Bestürzend aktuell
Unter Verdis Opern der mittleren Periode, die mit dem Erfolgsstück «Rigoletto» 1851 beginnt und elf Jahre später mit der Uraufführung von «La forza del destino» endet, nimmt «Il trovatore» schon allein deswegen eine Sonderstellung ein, weil zwischen dem Drama, auf dem dieses Bühnenwerk fußt, und dem Libretto, das ihm zugrunde liegt, eine eklatante Lücke klafft.
Während Antonio García Gutiérrez – dessen schaurig-romantisches Schauspiel «Símon Bocanegra» 1857 als Vorlage für das gleichnamige Verdi’sche Melodramma dienen wird – den (mittelalterlichen) bürgerkriegsähnlichen Konflikt zwischen zwei Adelshäusern als Folie und Hintergrund für eine persönliche Tragödie wählt (also im Grunde ein sehr ähnliches Sujet wählt wie im «Bocanegra»), entscheidet sich Verdis damaliger Librettist Salvatore Cammarano – er wirkte in dieser Funktion zuvor schon bei den Opern «Alzira», «La battaglia di Legnano» und «Luisa Miller» –, als er den Stoff in die Finger kriegt, für eine radikale Reduktion. Man könnte auch sagen: Er schnipselt so lange an Gutiérrez’ Drama herum, bis nur noch ein seltsam blutleeres, musikdramaturgisch zumindest in Teilen zweifelhaftes Gebilde übrigbleibt – ein Stück (fast) ohne ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Jürgen Otten
Holger Falk vermeidet die Hauptstraßen des Liedgesangs. Lieber schlägt er sich ins Unterholz der Moderne, wo er Vergessene und Übersehene entdeckt wie Josef Matthias Hauer oder Hanns Eisler. Vor allem aber ist er ein Partisan, ein Botschafter der mélodie, des französischen Lieds, das hierzulande noch immer ein Außenseiterdasein führt. Was nur wenigen Ausländern...
Jacques Offenbach widerlegte Theodor W. Adorno bereits vier Jahrzehnte vor dessen Geburt: Schließlich beweisen seine Operetten, dass es sehr wohl ein «richtiges Leben im falschen» gibt. Zumal das «Pariser Leben» ja nur so vor Täuschungen durch Masken, Kostümierungen und Dekorationen strotzt, die im provinzadligen dänischen Ehepaar von Gondremark (Heike Wittlieb und...
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