Beeindruckende Materialschlacht

Lüttich, Boito: Mefistofele

Elf Jahre hat Intendant Jean-Louis Grinda erfolgreich am Ruf der Oper Lüttich als gediegenes, musikalische Akzente setzendes Haus gearbeitet. Nun wechselt er nach Monte Carlo. Szenisch gilt die «Opéra Royal de Wallonie» als wenig innovativ – Reiseunternehmen im Umkreis werben bisweilen offen damit, dass man in Lüttich Oper noch «wie früher» erleben könne.


In der Tat ist es gewöhnungsbedürftig, wenn bei Boitos «Mefistofele», den sich Grinda zum Abschied in ­einer eigenen Inszenierung gönnt, zum Auftritt der himmlischen Heerscharen eine Hundertschaft weiß gekleideter Chorsänger in den Lüften schwebt, flankiert von kleinen Kindern mit Engelsflügeln. Die naive Gegenständlichkeit streift mehr als einmal die Grenze zum Kitsch, zumal sie mit einem Mangel an stringenter Personenregie einhergeht. Meist stehen die Sänger bei Dialogszenen reglos im Bühnenvordergrund vor einer undurchdringlichen grauen Wand, hinter der sich unauffällig der nächste Großumbau bewältigen lässt.
Dafür kann Grinda in den Massenszenen eine beeindruckende Materialschlacht mit großen Tableaus, exzellenter Lichtregie und opulenten Kostümen entfalten, die ihre Wirkung auch auf den kritischen Beobachter nicht verfehlt. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2007
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Dieter Lintz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Oper(n)ammergau

Der Skandal ist auch nicht mehr, was er einmal war. Als der in Ehren ergraute österreichische Bürgerschreck Hermann Nitsch – in Zusammenarbeit mit dem jungen Schweizer Schauspieler und Regisseur Andreas Zimmermann – im Zürcher Opernhaus Schumanns «Faust-Szenen» auf die Bühne brachte, mochte er nicht auf das Markenzeichen seines «Orgien Mysterien Theaters», die...

Leidenschaft und Anämie

Nikolaus Harnoncourt meinte einmal, wenn man sich die leidenschaftlichen Plastiken ­eines Bernini ansehe, könne man sich nicht vorstellen, dass die Musik jener Zeit weniger leidenschaftlich gewesen sei. In der Tat ist die Meinung, dass das artifizielle Element des Barockgesangs zugleich stimmfarbliche Anämie bedeute, historisch kaum belegbar. Freilich schien mit...

Erotisches Mysterium

«Wenn nur meinem Kopf nichts passiert, es sind noch so viele schöne Sachen drin», sagte Rudi Stephan zu seiner Mutter, bevor er sich am 13. September 1915 am Wormser Bahnhof von ihr verabschiedete und sich freiwillig zur Ostfront transportieren ließ. Sechzehn Tage später war er tot, getroffen von der Gewehrkugel eines russischen Soldaten. Mit 28 Jahren war ein...