Aus zweiter Hand
Fünf Holzstühle, vorn rechts. Fünf Grablichter. Vor jedem Stuhl eines. Sonst ist nichts zu sehen, wenn zu Beginn des dritten Aufzugs die Streicher trauertrunken, «mäßig bewegt», in sehrendem Klageton verkünden, dass dem liebesglühend-todessüchtigen Paar auf Erden wohl nicht mehr zu helfen ist. Kareol liegt im Dunkel. Im opaken Dunst eines Nirgendwo. Zum leeren Screen wird hier der Raum. Zu einer Tafel, auf der, in Tristans Fiebermonolog, Traumbilder schimmern, Halluzinationen – und gleich wieder verblassen.
Marienblaue Isolde-Erscheinungen schweben da in milchig-trüben Dreiecksrahmen. Ungreifbar, körperlos stehen sie ab vom schwarzen Grund. Verschwinden im Boden, verlieren den Kopf, schwitzen Blut, sobald Herr Tristan naht. Sinken zurück in die alles umfangende Nacht.
Die Idee, in Bayreuth ein «unsichtbares Theater» zu «erfinden», ist nicht neu. Wagner selbst soll sie – laut Cosima – bereits 1878 in die Welt gesetzt haben. Vor gut zehn Jahren wäre es beinahe Wirklichkeit geworden: In «totaler Finsternis» wollte der dänische Filmregisseur Lars von Trier («Melancholia») den «Ring» spielen lassen, den er dann doch nicht inszenierte. Nur durch winzige, durch den Guckkasten wandernde ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
Wolfgang Rihms «Eroberung von Mexico» ist keine Oper, wie es sie von Graun, Spontini oder Sessions zum selben Thema gibt. Man könnte sogar sagen: Hier schreibt jemand an gegen die Oper, gegen ihren Guckkasten, gegen erwartbare Gefühle, gegen lineares Erzählen, gegen eine Musik, die psychologisieren will, gegen eine Sprache, die bloß als Figurenrede daherkommt. Es...
Von der Londoner Wigmore Hall zum Burlington House braucht es kaum eine halbe Stunde gemütlichen Spaziergangs. Alljährlich beherbergt Letzteres die Sommerausstellung der Royal Academy of Arts, und das seit 247 Jahren. Die Show ist einzigartig in ihrer Mixtur aus Werken professioneller und dilettierender Künstler (12 000 Bewerbungen hat die in diesem Jahr von...
I.
Ist er es? Sitzt er da wirklich wieder vor dem Weihenstephan? Dem Hotel nicht weit vom Bahnhof, in dem er, so erzählt man in Bayreuth, jedes Jahr zur Festspielzeit absteigt? Ja, er ist es wirklich. Ein wenig missmutig blinzelt René Kollo (77) in die Sonne. Diese Hitze! Den Rotwein hat er fast geleert, die Zigarre ist fast aufgeraucht. Nur noch eine Stunde bis...
