Aus dem Zeitgeist
Der Kunst gilt’s – aber einer neuen, jungen Kunst. Freiheit und Aufbruch heißen die Schlagwörter. Reglementierte Traditionen haben ausgedient. Und diese Traditionen machen diejenigen, die an ihnen festhalten, zu einsamen Menschen, die schließlich an ihren eigenen Prinzipien (ver)zweifeln. So könnte der Tenor der aktuellen Neuproduktionen der «Meistersinger» in Kassel und Kiel lauten. Es ist interessant zu beobachten, wie dicht zwei Regiekonzepte beieinander liegen können, wenn die Regisseure aus dem gleichen Stall kommen.
Lorenzo Fioroni (Kassel) und Roman Hovenbitzer (Kiel) sind nicht nur beide Jahrgang 1972; sie haben bei Götz Friedrich in Hamburg studiert und sich nun erstmals des Stücks angenommen. Es gibt Details, die verblüffend übereinstimmen. Die Verwendung von Tonbandgeräten zur Aufnahme von Walthers Probegesang im ersten Akt gehört dazu, oder das unbeholfene Hantieren Beckmessers mit einem Notenständer (kurz vor seinem Ständchen im zweiten Akt). Oder die Isolierung von Hans Sachs am Ende des dritten Akts, die ihn als vereinsamte Figur zwischen den Fronten künstlerischen Reaktionismus’ und Fortschritts zeigt. Zwei Schüler desselben Lehrers haben da offensichtlich aus einem ...
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Erst steht er in Socken da, der Ex-Soldat. Später, wenn die Fronleichnamsprozession durch Brügge zieht und plötzlich zu einer Art Totentanz mutiert, gibt er den Zeremonienmeister im Frack. Doch am Ende geht er, geläutert und aufgeräumt, ganz normal von der Bühne. Das Schicksal von Paul könnte der Romantik entstammen: der Träumer, der seine tote Frau herbeiwünscht...
Es ist gewissermaßen eine Annäherung von zwei Seiten. Franz Schrekers «Der ferne Klang», ein Überraschungserfolg von 1912, der den Komponisten aus dem Nichts an die Spitze der Aufführungsstatistik katapultierte. Und seine letzte vollendete Oper «Der Schmied von Gent», die bei der Uraufführung 1932 «Jude raus»-Rufe provozierte. (Da sollte Franz Schrekers tödlicher...
Sie ist noch immer weit verbreitet, die Vorstellung von Don Giovanni als dem genialischen, im Gefühl seiner Omnipotenz gegen göttliches Gesetz aufbegehrenden Verführer: ein Rollenbild, das nicht zuletzt von Ausnahmesängern wie Cesare Siepi und George London geprägt wurde. Die junge Regisseurin Andrea Moses sieht das ganz anders. In ihrer Bremer Neuinszenierung von...
