Aus dem Nähkästchen
Auch die Bewohner von Elfenbeintürmen wollen wissen, was draußen in der Welt geschieht. Und so sei heute aus dem Nähkästchen geplaudert. Wenn die neue Nummer der «Opernwelt» im Briefkasten liegt, schaue ich gleich, was Christopher Gillett in seiner launigen Glosse zu erzählen hat. Und staune, was sich Auftraggeber im Operngeschäft alles herausnehmen. Im Vergleich dazu lebt ein Hochschullehrer im reinen Luxus, Stichwort: «Freiheit der Wissenschaft».
Doch Forschung lebt von ihrer Verbreitung.
Deshalb beteilige ich mich sehr gerne an dem, wofür im Italienischen das hässliche Wort «volgarizzazione» («Vulgarisierung») steht. Beim Schreiben eines Programmheftessays für eine Opernaufführung, eines Booklet-Textes für die Tonträgerindustrie (soweit dort überhaupt noch Booklets gestaltet werden) oder eines Beitrags für das «Opernwelt»-Jahrbuch kommen nicht nur frische Ideen. Der Zwang, möglichst allgemeinverständlich zu formulieren, schärft die (Forschungs-)Fragen und gibt neue Impulse für die wissenschaftliche Arbeit.
Nur: Was ist allgemeinverständlich? Da gibt es mit manchen Auftraggebern auch einmal längere und unangenehme Auseinandersetzungen. Notenbeispiele? Nein, das geht gar nicht. ...
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Opernwelt November 2017
Rubrik: Einspruch aus dem Elfenbeinturm, Seite 81
von Anselm Gerhard
Aus Gérard Corbiaus Film «Farinelli» ist jene Szene in Erinnerung geblieben, in der der Kastraten-Superstar mit seinem komponierenden Bruder Riccardo Broschi wegen dessen allzu schematischer Arien-Produktion hadert. Er setzt sich ans Cembalo, um die melodisch, rhythmisch und harmonisch allzu formelhaften Vehikel zur Demonstration bloßer vokaler Virtuosität samt...
Es ist nun 40 Jahre her, dass die verdienstvolle Schriftenreihe «Musik-Konzepte» provokant fragte: «Ist die Zauberflöte ein Machwerk?» Es gab darauf viele Antworten, die mit «Ja, aber» begannen. Der Popularität dieser Volksoper konnte all das nichts anhaben: Seit eh und je führt sie mit weitem Abstand die Bühnenstatistiken an.
Exakt 226 Jahre nach der Uraufführung...
Klassische Helden haben keinen guten Leumund mehr. In der Antike genügte es, aus Ehrsucht möglichst viele Menschen beliebig zu erschlagen, und schon war man wer. Unserem heutigen Heldenbild entspricht eher der kürzlich verstorbene Oberstleutnant Stanislaw Petrow, der 1983 die Welt rettete, indem er auf einen vermeintlichen atomaren Angriff der Amerikaner nicht...
