Auratische Größe

Ein Salzburger Liederabend mit Jessye Norman und James Levine

Von Mitte der 1980er- bis in die 90er-Jahre befand sich Jessye Norman auf dem Höhepunkt ihrer Kunst. Die Liederabende der 1945 geborenen US-Amerikanerin glichen musikalischen Gottesdiensten, dem Camp nahe, doch immer durchdrungen von Kunstwillen und -anstrengung. Jeder, der einen dieser Abende erlebt hat, wird sich Momente der Unwiederholbarkeit bewahren. Zwar sind etliche Mitschnitte aus diesen Jahren nicht mehr als akustische Fotografien: bar der physischen Präsenz dieser Augenspielkünstlerin fehlt etwas; zumal die Mikrofone Probleme mit der üppigen, obertonreichen Stimme haben konnten.


Und doch vermitteln Dokumente wie das vom Liederabend am 6. August 1991 im großen Festspielhaus in Salzburg die Ahnung auratischer Größe. Gestaltungs- und Legatokunst begegnen in jedem Moment: sei es eine chansonhafte Petitesse wie «Rondel» aus Peter Tschaikowskys «Six chantes» op. 65 – von den sechs Nummern sang sie vier –, die Norman mit legerem Ton veredelt, oder der «Engel», der die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner mit enormen Bögen eröffnet. Singen, das demonstriert Norman in solchen Nummern, basiert auf Atem(-technik). James Levine ist ihr nicht nur hier ein sinnstiftender Partner am ...

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Opernwelt März 2017
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 41
von Götz Thieme