Auf Forschungsreise

Luzern/Freiburg, Mozart/Coskun: Die Entführung aus dem Serail

Noch ist Joachim Schlömer hauptamtlich Kurator von pvc Tanz Freiburg Heidelberg. Aber als Opern- und Schauspielregisseur hat er das Bloß-Choreografieren längst hinter sich gelassen, und deshalb braucht es einen nicht zu wundern, wenn die «Entführung aus dem Serail» Genregrenzen ignoriert und sich am Schluss als ein faszinierendes Forschungsprojekt erweist.

Als Bassa Selim macht sich Marianne Hamre jedenfalls von Anfang an eifrig Notizen in ein rotes Buch, und alles, was in den folgenden zweieinhalb Stunden um diese androgyne Autorität herum geschieht, dient allein einem wissenschaftlichen Ziel: nämlich herauszufinden, was mit den betroffenen Menschen in einer solchen Ausnahmesituation geschieht, welche Abhängigkeits- und Machtverhältnisse dabei entstehen, ob ein «normales» Leben nach einer überstandenen Entführung überhaupt noch vorstellbar ist.
Jens Kilian hat zu diesem Zweck hinter der Bühne einen Spiegel hochgezogen, der nicht nur das Publikum mit sich selbst konfrontiert, sondern auch allen Beteiligten ständig Einblicke in ihr eigenes Seelenleben gewährt. Davor hat der Regisseur, in Reih und Glied wie bei einem barocken Irrgarten oder in einem Schachspiel angeordnet, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2008
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Hartmut Regitz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ende einer Ära: Wolfgang Wagner tritt ab

Am 28. August ging auf dem Grünen Hügel zu Bayreuth eine Ära zu Ende: An diesem Tag wurde Wolfgang Wagner offiziell als Leiter der Festspiele verabschiedet. Achtundfünfzig Spielzeiten hatte der inzwischen 89-Jährige maßgeblich geprägt. Seit dem Tod seines Bruders Wieland 1966 beherrschte er zweiundvierzig Jahre allein das Geschehen im Festspielhaus. Insgesamt 1706...

Gespenstersonate

Schon während der Orchestereinleitung, noch bevor Tatjana das erste Mal den Mund öffnet, beschleicht den Zuschauer die Ahnung, dass das, was er in den folgenden drei Stunden zu sehen bekommen wird, nicht viel mit der Geschichte zu tun hat, die Puschkin in seinem realistisch-satirischen «Roman in Versen» erzählt und die von Tschaikowsky in wissentlichem...

Quicklebendige Groteske

In der russischen Literatur wimmelt es von passiven Anti-Helden. Der berühmteste, Oblomow, hat Eingang in den psychiatrischen Jargon gefunden: als willensschwacher, apathischer Neurotiker. Zu Oblomows Geistesverwandten gehört auch die Hauptfigur in Gogols «Heirat» von 1842: Podkoljossin trägt sich mit Gedanken an die Ehe, kann aber nur mit Mühe von der...