Auf dem Drahtseil

Die interessantesten Neuerscheinungen zum Rameau-Jubiläum

Es ist einfach ausweglos. Castor und Pollux lieben beide Télaïre, sind einander aber mindestens ebenso zugetan. Und keiner erträgt des anderen Unglück. Das Hin und Her hat erst ein Ende, als Jupiter die Brüder als Sternbild in den Himmel schickt. In der Einspielung der australischen Kompanie Pinchgut Opera erwachen die Figuren zum Leben, zeigen sich voller Fleisch, Blut, Persönlichkeit. Dass wir bis zum Ende am Ball bleiben, liegt nicht an Perfektion. Es liegt vor allem an dem ungeheuren Engagement, mit dem alle Beteiligten bei der Sache sind.

Jeffrey Thompson etwa steigert sich in Castors Schmerz derart hinein, dass er mitunter vom Singen ins Rufen oder Schluchzen rutscht. Seine Hingabe trägt ihm in dieser haute-contre-Partie mit ihren gemeinen Hochlagen  ein paar Intonationsschwächen ein. Aber die nehmen wir in Kauf – für die kostbaren Augenblicke bewegender Emotionalität. Hadleigh Adams ist ihm ein warmherziger Pollux mit charmantem S-Fehler. Als Télaïre überzeugt Celeste Lazarenko mit glasklarem Sopran, Margaret Plummer trumpft als verschmähte Phœbé mit goldenem Timbre und ausdrucksstarken Rezitativen. Antony Walkers Orchestra of the Antipodes nimmt durch eloquente Phrasierung ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 19
von Wiebke Roloff

Weitere Beiträge
Zwischen den Fronten

Schlimmer hätte es für ihn nicht kommen können: Von den Nazis als «entartet» gebrandmarkt, von den Stalinisten als zu «formalistisch» eingestuft, durfte der 1893 geborene tschechische Komponist Alois Hába erst kurz vor seinem Tod erleben, dass seine vierteltönigen Experimente von der Nachkriegsavantgarde aufgegriffen wurden. Diesen historischen Umständen ist es...

Das Experiment

Salomone Rossi (ca. 1570 bis ca. 1630), ein «Ebreo da Mantova», wirkte als Geiger, später als Kapellmeister am Hof der Gonzaga in Mantua, war also ein nur wenig jüngerer Kollege Claudio Monteverdis. Neben höchst eigenständigen Beiträgen zur frühen Instrumentalmusik ist besonders Rossis geistliche Musik für die Synagoge von Bedeutung. Durch einen rabbinischen Erlass...

Der Weg ist das Ziel

Das Plakat – roter Schriftzug auf knallblauem Grund: «gaertnerplatztheater.de» – könnte auch ein riesiges Trostpflaster sein. Es scheint an den dreifach gestapelten Containern zu kleben und lenkt ab noch von manch anderem: vom Riesengerüstgitter, vom Kranballett und von der Grube hinterm Haus. Wer in diesen Wochen an der Baustelle vorbeikommt, dem fällt der...