Arienfetzen, Ironie, Gesamtkunstwerke

Davon kann man in Deutschland nur träumen: Das Centre de musique baroque de Versailles ediert, weitgehend vom Staat finanziert, seit 1987 barocke Meisterwerke. Knapp fünfzig Opern liegen mittlerweile in modernen Ausgaben vor: heiß ersehntes Futter für Dirigenten wie William Christie, Marc Minkowski, Hervé Niquet oder Christophe Rousset. Bei einem Ortstermin erkundete unser Autor Jörg Königsdorf die Funktionsweise und Pläne des einzigartigen Instituts. Außerdem im folgenden Thementeil: ein Interview mit der Regisseurin, Musikwissenschaftlerin und Tänzerin Sigrid T’Hooft, die sich intensiv mit der Körpersprache des Barocktheaters auseinandergesetzt hat und ihre Ergebnisse in epochemachenden Aufführungen zeigt.

Im Centre de musique baroque de Versailles werden Frankreichs
Barockopern wiederentdeckt. Und endlich gibt es auch die Interpreten dafür

Der Sonnenkönig soll von «Bellérophon» begeistert gewesen sein.

Kein Wunder, denn nachdem es ihm mit seinen beiden vorhergehenden Bühnenwerken «Iris» und «Psyché» nicht gelungen war, seinen Monarchen zufriedenzustellen, war Jean-Baptiste Lully diesmal auf Nummer sicher gegangen: Das Libretto von Thomas Corneille lieferte einen Titelhelden, dem Monstren und Frauen gleichermaßen zu Füßen lagen und mit dem sich der Sonnenkönig unschwer identifizieren konnte. Musikalisch hatte der Hofkomponist Ludwigs XIV. seine neueste Tragédie lyrique so glanzvoll wie möglich ausgestattet und der prächtigeren Wirkung wegen sogar die Rezitative vom Orchester begleiten lassen – eine Praxis, die er übrigens fortan beibehalten sollte. Damit läutete die Uraufführung des «Bellérophon» an der Académie royale de la musique im Januar 1679 zugleich den Spätstil Lullys ein, der dann in den 1680er Jahren Werke wie «Roland» und «Amadis» mit ihrer nochmaligen dramatischen Verdichtung hervorbringen sollte.

Dass dieses Werk bislang weitgehend unbeachtet im Archiv der Pariser Oper vor ...

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Opernwelt Februar 2011
Rubrik: Thema, Seite 30
von Jörg Königsdorf

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