Archäologie und Happening

Ulm | Cage: Europeras 3 & 4 Stäbler: Futuressence XXX

In der 41. Minute passiert es dann doch. Das vorher ziemlich brave Ulmer Publikum revoltiert kurz, aber herzhaft. «Des isch kei Kunscht», brüllt eine enervierte Dame, die gleich darauf mit ihrem Begleiter polternd den Saal verlässt. Weitere Zwischenrufe folgen, es gibt größere Abwanderungsbewegungen. Schon erstaunlich, wie John Cage, dessen hundertsten Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, noch immer provoziert.

Dabei sind seine «Europeras» eigentlich ein schön verspieltes Experiment mit genialer Grundidee: Cage programmierte einen Zufallsgenerator, der bestimmt, wann reale Sänger welche Arien aus 400 Jahren Opernliteratur zu singen haben, wann ein Teil beginnt, wann er abrupt endet, wo sich die Dinge überlagern. Zu alledem kommen historische Aufnahmen, die von vier Plattenspielern wiedergegeben werden. Die Bediener dieser Geräte nennt Cage Komponisten, wohl weil sie ihre Einsätze selbst gestalten sollen.

Jede Aufführung ist völlig anders, fest steht nur die Gesamtzeit: «Europeras 3» dauert recht lange siebzig Minuten, «Europeras 4» ist nach exakt einer halben Stunde vorbei. Vom Zufall bestimmt sind auch Klangwolken per Zuspielband (das Cage selbst erstellt hat) sowie ins Publikum ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2012
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Jörn Florian Fuchs

Weitere Beiträge
Das Entscheidende steht nicht in den Noten

Herr Thielemann, der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus hat sinngemäß einmal gesagt, ein Dirigent sei halb Feldherr, halb Zauberer. Wie sehen Sie sich selbst?
Das mit dem Zauberer gefällt mir. Ein Zauberer muss ja auch auf Menschen einwirken. Manchmal mit Tricks (lacht), vor allem aber mit Handwerk und Hintergrund. Wie man die Fäden zieht, hängt von den Mitspielern...

Die Sache mit der Libido

Ein von der Ehe gelangweilter Förster, eine ebenso frustrierte Frau, dann plötzlich, als verhängnisvolle «Chance», eine neue, animalische, von allerlei anderem Getier umgebene Gefährtin, das offerierte das BR-Symphonieorchester zu Anfang der Saison als «Familienkonzert». Leos Janáceks «Schlaues Füchslein» als Nettigkeitsoffensive für Jung und Alt, moderiert von...

Große Dirigenten im heiteren Genre

Bevor er sich Ende der 60er-Jahre ganz von der Oper abwandte, war Carlo Maria Giulini nicht nur ein Experte in Sachen Mozart und Verdi, sondern unzweifelhaft auch der beste Rossini-Dirigent seiner Zeit. Dennoch hat er dessen Hauptwerk, «Il barbiere di Siviglia» nie im Studio aufgenommen. Es existieren allerdings Mitschnitte einer italienischen Fernsehproduktion von...