Apropos... Medea

Starke Frauen, schwache Frauen, verrückte Frauen, wahnsinnig gewordene Frauen - bei Nicole Chevalier sind sie alle gut aufgehoben. Furore machte sie als Violetta Valery in Benedikt von Peters «La traviata»-Inszenierung an der Staatsoper Hannover; an der Komischen Oper Berlin reüssierte die amerikanische Sopranistin insbesondere in Offenbachs letztem Bühnenwerk «Les Contes d’Hoffmann», wo sie gleich alle vier Frauen­rollen verkörperte. In Aribert Reimanns «Medea» singt sie an der Behrenstraße nun erstmals die Titelrolle.

Am 20. und 25. Juni 2017 an der Komischen Oper Berlin

Frau Chevalier, mögen Sie Medea?
Ja. Und nicht nur, weil sie eine mythische Figur ist. Sondern auch, weil sie wahnsinnig interessant ist. Weil sie so viele Facetten in sich trägt, weil sie ein inneres Gesicht hat. Medea wird im Verlauf ihrer Geschichte Mensch. Man kann sie, ihr Handeln, verstehen, weil es uns als menschliches Handeln begegnet. Ja, ich habe Sympathie für sie. Und empfinde Mitleid mit ihr.


Mitleid? Sie bringt ihre eigenen Kinder um!
Ich denke, diese Kindstötung ist eine Metapher für etwas anderes, eine Metapher für alles Furchtbare, Schreckliche, Unvorstellbare, was in der Welt passiert; eine Metapher für das Schicksal generell. Und es hat mit Magie zu tun – Medeas Magie. Ihre Geschichte, sie selbst, ist nicht realistisch. Sie ist ein Mythos. Und deswegen erträglich. Und weil das nicht realistisch ist, können wir dem Furchtbaren, Schrecklichen, Unvorstellbaren näherkommen. Das ist nur allzu menschlich, es ist in uns drin – was natürlich nicht bedeutet, dass ich gleich losgehe und einen Menschen umbringe. Aber ich kann Medea ein bisschen verstehen, wenn ich sie spiele, wenn ich in ihrer Situation bin. Wenn ich ihre Wildheit verkörpere. Das bringt mich in ihre Nähe.

Ge ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Magazin, Seite 87
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Komplett vorbei

Das Werk: ein Problemfall. Bereits sein Schöpfer ächzte 1814 zum Librettisten Treitschke hinüber: «Die Oper erwirbt mir die Märtyrerkrone.» Beethoven irrte nicht. Bis heute stellen sich Regisseuren viele Fragen: Wie den drei Fassungen und den vier Ouvertüren begegnen, den hölzernen Dialogen? Dem dramaturgischen Bruch zwischen Singspiel, heroischem Musikdrama und...

Zeitenwende

Die Straßburger «Salome» hat noch gar nicht angefangen, schon sind wir mittendrin. Während das Publikum sich in der Opéra national du Rhin einfindet, streichen drei sehenswerte Grazien in geschlitzter Abendrobe einen Jüngling im Slip mit tiefroter Farbe an. Tiefrot sind auch die gewaltigen Flügel, die er umgehängt bekommt, mit denen er später, des knappen...

Das richtige Maß

Die Geschichte vom Kaufmann, der seine in einen Mittellosen verliebte Tochter auf Teufel komm raus mit einem reichen Geschäftspartner aus dem Ausland verheiraten will, welcher aber dankend verzichtet und das Glück der Liebenden begründet, wurde schon in Rossinis einaktiger Farsa «La cambiale di matrimonio» (1810) behandelt. In Donizettis früher Buffa «Olivo e...