Alltag und Sonntag

Wien, Staatoper, Puccini: Manon Lescaut Wagner: Parsifal

Der beste Teil der Vorstellung fand in der Intendantenloge rechts über dem Orchestergraben statt. Dort saß Plácido Domingo und dirigierte die Oper von Anfang bis Ende mit. Seine Fingerspitzen malten melodische ­Linien, manchmal markierte er mit den Handflächen die Metrik. An Piano-Stellen senkte er den Kopf, und es schien, als würde er jede Phrase, die auf der Bühne ­gesungen wurde, mitatmen. Ohne Show verlief das Ganze. Eine Summe winziger Bewegungen: Ausdruck eines stückerfahrenen, hellwachen und vor allem Musik tief empfindenden Zuschauers.

Man sah förmlich, wie Puccinis «Manon Lescaut» klingen könnte.
Das, was aus dem Orchestergraben kam, war freilich etwas ganz anderes. Seiji Ozawa mühte sich redlich um eine ihm offenbar wenig vertraute Partitur. Das Orches­ter der Wiener Staatsoper spielte weit besser, als er dirigierte, aber es konnte natürlich weder Tempoübergänge noch dynamische Feinabstimmung herbeizaubern, die vom Pult aus nicht intendiert waren. Welche Sogkraft Puccinis frühe, raffiniert Wirkung ausformulierende Partitur hatte, war nicht einmal zu ahnen. Ihre Subtilitäten hatten einfach keine Chance. Selbst in der fünften Vorstellung nach der Premiere hatte Ozawa die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2005
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bibbern, Beten und andere Seelentöne

Auf der Grundlage einer privaten Sammlung historischer Gesangsaufnahmen hat Hänss­ler CLASSIC jetzt eine neue Reihe unter dem simplen, aber zutreffenden Titel «Living Voices» gestartet. Auf den ersten Blick erscheint die Auswahl der Sänger nicht besonders interessant, handelt es sich doch fast durchweg um die ganz großen Namen, die auf CD auch anderswo schon...

«I want more life»

Die in einer mikroskopisch kleinen Geheimschrift verfassten Texte des späten Robert Walser galten lange Zeit als nicht dechiffrierbar. Auf andere Weise verrätselt sind die Texte durch die Abfolge von Sätzen, die den Vorgang des Schreibens thematisieren und, wie Walter Benjamin anmerkte, «den vorigen vergessen zu machen» versuchen: Manifest der Spätkunst eines...

Glück im Unglück

Zu seinen Lebzeiten war das Teatro La Fenice Richard Strauss sehr zugetan. Man spielte schon kurz nach den Uraufführungen «Die Frau ohne Schatten», «Elektra», «Salome» und «Rosenkavalier». Das ganze 20. Jahrhundert über war Strauss’ Musik in Venedig präsent wie das Werk keines anderen deutschen Kom­po­nisten – ausgenommen die Opern Ri­chard Wagners. In dieser...