Alles spricht

Jommelli? Noch immer gehört der 1714 in Aversa bei Neapel geborene Zeitgenosse Glucks zu den großen Unbekannten des Reformzeitalters. Während Ritter Christoph Willibald zum 300. Geburtstag im vergangenen Jahr ausgiebig gefeiert wurde, nahm die Musikwelt von NICCOLÒ JOMMELLI kaum Notiz. Dabei stand der sprachzentrierte, an der Poetik Metastasios orientierte Kompositionsstil des Italieners einmal in höchstem Ansehen. Nicht nur in Stuttgart, wo er von 1753 bis 1769 als Hofkapellmeister wirkte und wo in diesem Monat unter dem Titel «Berenike, Königin von Armenien» eines seiner Hauptwerke wieder auf die Bühne kommt. Wir haben SERGIO MORABITO, den Chefdramaturgen der Oper Stuttgart, um eine längst überfällige Würdigung gebeten: Jommelli und die Opera seria

Niccolò Jommelli, dessen Schaffensperiode sich von 1737 bis 1772 erstreckt, ist mit Abstand der begabteste und interessanteste italienische Opernkomponist jener Dekaden, ja sogar eine der bedeutendsten Erscheinungen des gesamten 18. Jahrhunderts», so David Kimbell in seinem Standardwerk «Italian Opera». Und der britische Gelehrte stellt fest: «Keinem andern großen Opernkomponist mit vergleichbar durchschlagender Wirkung auf die Zeitgenossen wird es so wie Jommelli verwehrt, seine Wirkung auf uns Nachgeborene auszuüben.

»

Diese Ausgrenzung dürfte auf die Ablehnung jenes Genres zurückzuführen sein, in dem Jommelli brillierte: der Opera seria. Kaum ein Vorurteil der Musikgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts hat sich als derart zählebig erwiesen wie das über jene Theaterform, die von den Zeitgenossen als «dramma per musica», also als «Drama für Musik» bezeichnet und verstanden wurde, und die bis heute als höfisch-dekorative Repräsentationskunst oder Tummelplatz sinnloser Sängereitelkeiten denunziert wird. Keine Opernkritik, die sich für ein Werk Händels, Glucks oder Mozarts begeistert, versagt sich den Seitenhieb auf die «lähmenden Konventionen» der Seria, denen sich diese ...

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Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Essay, Seite 42
von Sergio Morabito

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