Alcinas Wunderreich

Eine alte Aufnahme mit Joan Sutherland und Fritz Wunderlich auf CD und eine neue Produktion unter Andrea Marcon in Potsdam stimmen auf das Händel-Jahr ein

Turmhohe Silberhaarperücke, Ballgarderobe, freundliches Lächeln. So stellte man sich Händels Alcina vor, als Joan Sutherland die Rolle mit ihrem Gatten Richard Bonynge am Pult des London Symphony Orchestra auf Schallplatte verewigte. Ein halbes Leben liegt das nun schon zurück, doch noch immer schaut die Alcina der Grand Old Lady des Koloraturgesangs voll gesellschafts­fähig vom Cover der legendären Decca-Aufnahme.

Die Magie der Königin, die auf ihrer Insel die Männer reihenweise um den Finger wickelt (um sie nach Gebrauch per Zauberspruch zu entsorgen), ging lange vor allem vom exotischen Ambiente des Dekors aus. Für die Knalleffekte, etwa die Verwandlung der Lover in wilde Tiere, sorgte die (barocke) Theatermaschinerie. Zwar galt der Bühnentechniker wäh­rend der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr als die wichtigste Figur der Aufführungen, doch die vom Komponisten so genial in die Musik eingeschriebene Geometrie der Leidenschaften blieb trotzdem ausgespart. Vom Anderen, Unheimlichen, Abgründigen der Hauptfigur, von den mozartisch differenzierten Gefühlskurven Ruggieros und Bradamantes oder Morganas und Orontes wollte man nichts wissen. Das auf Ariosts «Orlando ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2008
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Manon, Werther & Agitprop

Die Opernproduktionen deutscher Stadttheater sind flüchtige Güter: Nach oft nicht mal einem Dutzend Vorstellungen verschwinden sie schon wieder vom Spielplan, und während in Italien jede vom Repertoire­wert auch nur halbwegs interessante Produktion ein williges Piratenlabel findet, blieb von den ambitionierten Entdeckungen und Neuinterpretationen hiesiger...

Karthago liegt gegenüber

Marseille will das städtische Kulturleben verstärkt auf Fragen und Themen des Mittelmeerraums ausrichten. Die Orientierung am mediterranen Raum dürfte auch das Programm der «Europäischen Kulturhauptstadt» prägen – 2013 wird die südfranzösische Metropole den Titel gemeinsam mit dem slowakischen Kosice tragen. Schon jetzt stimmt man sich auf die Aufgabe ein: Das...

Angeschliffen

Eine Neuproduktion von «Lucrezia Borgia» gibt es nicht alle Tage. Auch an der National Opera in
Washington wäre das Stück wohl kaum in Erwägung gezogen worden, wenn Renée Fleming nicht zugesagt hätte, die Titelpartie zu übernehmen. Vor zehn Jahren hat die Sopranistin diese Lucrezia schon einmal gesungen, an der Scala – und wurde dort von den be­rüchtigten...