Akute Schönheit
Opernkritiker zu sein, das bedeutet manches Mal, mit dem eigenen Zynismus klarkommen zu müssen; mindestens aber mit dem Zynismus, der irgendwie in der Luft liegt, wohnt man einer Premiere an einem «großen» Hause bei. Diese Mischung aus Voreingenommenheit, Müdigkeit und vorauseilender Schadenfreude – wir kennen sie alle. Seien wir ehrlich.
Dieser Zynismus ist an so manchem «kleinen» Hause meistens nicht nur plötzlich wie weggeblasen, sondern in Wahrheit gar nicht mehr existent; ja, die – höchst willkommene! – «Gefahr», jeglichen Zynismus in Momenten der Aufrichtigkeit, der Schönheit, der Liebe dranzugeben: begehrt, begehrenswert. Begehrenswert ist es freilich nicht, wenn einem Hause wie dem Theater Bielefeld pandemiebedingt kurz vor der Premiere der halbe Chor und einige Solistinnen und Solisten abhandenkommen. Ja, bisweilen mussten sogar völlig fachfremde Sänger eingesetzt werden, um die Ausfälle zu kompensieren. Doch: Diese Situation ermöglichte nun, bei der Premiere von Puccinis Verismo-All-Time-Favorite «La Bohème» einfach mal hemmungslos zu weinen. Wegen akuter Schönheit in der Not. Selbstreferentialität, die Erste!
Regisseurin Julia Burbach erzählt die ...
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Opernwelt März 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Arno Lücker
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