Aktion statt Konzept

Konzentriertes Musiktheater: Tim Albery und Semyon Bychkov zeigen an der Royal Opera London, wie spannend Wagners «Tannhäuser» sein kann

Manchmal gibt es merkwürdige Synchronizitäten. Im Juni 2010 widmete sich Claus Guth an der Wiener Staatsoper bereits zum zweiten Mal Wagners «Tannhäuser» und zeigte einen Titelhelden, dem alles Heldische fremd blieb, der vielmehr zwischen Realität und Virtualität gefangen schien und nach diversen inneren und äußeren K(r)ämpfen schließlich im Irrenhaus landete (siehe OW 8/2010). Ausstatter Christian Schmidt lieferte dazu ein Fin-de-Siècle-Ambiente, in dem sich die Figuren vorwiegend statisch bewegten.

Problematisch war das Ganze vor allem ob der oft pathetisch vermittelten Tiefenpsychologie. Auch die Besetzung konnte nicht befriedigen. Michaela Schuster wirkte als Venus ältlich und unerotisch. Johan Botha war als Tannhäuser nicht nur vokal unbeweglich. Die Regie brachte ihn gleich zweimal in unangenehme Positionen: Weil der beleibte Tenor offenbar nicht allein aufstehen konnte, mussten ihm zwei Sängerkollegen aufhelfen.

Nun gab es am Royal Opera House in London ein veritables Déjà-vu und Déjà-écouté. Wie in Wien, so erlebt man auch in London zunächst ein Theater auf dem Theater. Der nachgebaute Proszeniumsbogen samt königlichen Insignien dient als Bühne für den Zuschauer Tannhäuser. ...

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Opernwelt Februar 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jörn Florian Fuchs

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