Abgrund Mensch

Stuttgart, Janácek: Jenufa

Über dieser Premiere hingen dunkle Wolken. Intendant Albrecht Puhlmann und der ursprünglich vorgesehene Regisseur David Alden hatten sich bei Probenbeginn so zerstritten, dass Alden das Stück zurückgab. Puhlmann gelang es, Calixto Bieito zu gewinnen, der «Jenufa» noch nie inszeniert hatte, mehr oder weniger die Bühnenbild- und Kostümentwürfe seines Vorgängers übernehmen musste und dem für dieses Himmelfahrtskommando ganze drei Probenwochen blieben, um ein in ­aller Eile gefundenes Konzept durchzuziehen.

Es spricht für Bieitos handwerkliche Professionalität, aber auch für seine künstlerische Motivationsfähigkeit, dass aus der Notlösung ein über weite Strecken überzeugender, ja faszinierender Theaterabend wurde.

Die von Susanne Gschwender überarbeitete Bühne Gideon Daveys verlegte die im bäuerlichen Milieu spielende Handlung in einen mährischen Textilbetrieb, in dem die Rückständigkeit des Postkommunismus und die Segnungen des Turbokapitalismus krass aufeinanderstoßen. Das machte mit der schäbigen Industrieruine, in der die ersten beiden Akte situiert waren, durchaus Sinn. Es führte im dritten Akt mit den in der neuen Textilmanufaktur steril vor ihre Nähmaschinen platzierten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2007
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zeremonien und Rituale

Der Big Apple liebt den Superlativ. Wer sich und seine Sache nicht in den höchs­ten Tönen anpreist, steht hier schnell im Abseits. Das Größte, das Glanzvollste, das Be­rühmteste muss es schon sein, wenn man die Aufmerksamkeit der ­Öf­fentlichkeit erregen will. Auf dem Marktplatz New York zählt nun mal vor allem der grelle Pinselstrich, das blendende...

Adam: Le Toréador

Von Adolphe Adams über siebzig Opern und Balletten sind nur die unsterbliche «Giselle» und der Tenor-Hit des «Postillons von Lonjumeau» der Furie des Vergessens entgangen. Jetzt hat Bielefeld den «Toréador» ausgegraben, eine 1849 uraufgeführte und in Deutschland anscheinend noch nie gespielte Opéra comique. Die Handlung bedient sich des Schemas der erotischen...

Puccini: Tosca

Packendes italienisches Musiktheater in Deutschlands nördlichstem Opernhaus: In Flensburg stellte Jan-Richard Kehl, neuer Operndirektor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, eine bemerkenswerte «Tosca» auf die Bühne, in der ungeschönt das enorme Aggressionspotenzial des Stücks freigelegt wurde. Ein Psychodrama der Brutalität und der sexuellen...