Der Melodiker

Rheinsberg, Myslivecek: Antigona

Die Einträge fehlen in Deutschlands gängigen Opernhandbüchern. Zwischen Mussorgskyjs «Boris Godu­now» und Nicolais «Lustigen Weibern» findet sich dort nichts. Wo eigentlich Josef Myslivecek hingehört, klafft eine Leerstelle im hiesigen Musikwissen. Wenn also die Kammer­oper Schloss Rheinsberg den Böhmen auf ihre Fes­tivalbühne brachte, tat sie, was in größeren Häusern längst hätte besorgt werden müssen: Klugheit an die Stelle von Ignoranz treten zu lassen.

Brandenburgs saisonal tätiges Nachwuchssänger-Unternehmen verhalf der 1773 erstmals in Venedig beklatschten «Antigona» zur deutschen Premiere, nachdem es sich vorher der Kompetenzen des kooperierenden Nationaltheaters Prag versichert hatte.
Wenn das lieto fine, wie immer bei Opern des Seria-Typs, ein bisschen plötzlich kommt, wissen wir, dass die verwirrten Gefühle und miesen Winkelzüge, die uns zweieinhalb Stunden lang beschäftigt haben, auch nach diesen zehn Happy-End-Minuten nicht erledigt sind. Der Homo sowjeticus macht weiter, unten als Mitläufer, oben als Diktator. Regisseur Jiri Nekvasil hat den antiken Plot nämlich in ein osteuropäisches Politbüro verlegt, in dem Realsozialismus und Postkommunismus einander ähneln wie die ...

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Opernwelt September/Oktober 2006
Rubrik: Panorama, Seite 64
von Frank Kallensee

Vergriffen