Bittersüß, tränenfroh, glücksschwer

Alain Altinoglu und Hans Neuenfels hören an der Bayerischen Staatsoper tief in Puccinis «Manon Lescaut» hinein

Wir meinen sie zu kennen. Halb Luder, halb Liebende. Mal femme fatale, mal femme fragile. Hier Luxusweib, dort Leidensfrau. Klar doch: Zwei Seelen wohnen, ach! in ihrer Brust; in rastlosem Dauerclinch, bis schließlich das Herz daran zerbricht – und das ihres mittellosen Galans gleich mit. So hat Abbé Prevost anno 1731 Manon Lescaut (und den Chevalier Des Grieux) in die Welt gesetzt, und so haben der irische Rossini-Adept Michael William Balfe (in «The Maid of Artois», 1836), Daniel-François-Esprit Auber (1856) und Jules Massenet (1884) sie für die Opernbühne übernommen.

Als bipolare Heldin einer Romanze mit tödlichem Ausgang. Doch was, wenn Manon nicht zwei, sondern viele ist? Eine multiple Kunstfigur, die, von Lebensgier und Liebesnot getrieben, ihr Ich aus Angst vor dem Sog maßloser Leidenschaften unter Puder und Pomaden, Rouge und Bleiweiß verbirgt? Wird zum modernen Beziehungsdrama dann die kitschverdächtige Story amouröser Irrungen und Wirrungen? Und deren Inszenierung zu einer Operation am offenen Herzen?

Bei Licht besehen, legt Puccinis neun Jahre nach Massenets Adaption in Turin uraufgeführte «Manon Lescaut» diesen Schluss nahe. Die episodische Struktur der auf vier Akte ...

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Opernwelt Januar 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Albrecht Thiemann

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