Heimatlos

Hartmanns «Simplicius Simplicissimus» aus Stuttgart und Henzes ­«Boulevard Solitude» aus Barcelona auf DVD

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es die Oper schwer in Deutschland. Zwar wurden überall «Die Meistersinger» und «Fidelio» gespielt: Man suchte quasi mit lautem C-Dur nach Selbstvergewisserung. Doch wie konnten neue Stücke klingen? Die musikalische Sprache der Spätromantik war politisch missbraucht worden und obsolet; aber auch der Faden zu den Roaring Twenties war abgeschnitten. Serielle Musik setzte sich in der Fachwelt durch (beim Publikum kaum): Penibel durchkons­truierte Parameter und Elektronik sollten helfen, falsche Subjektivität zu meiden.

Die menschliche Stimme freilich passte dazu ganz und gar nicht: Sie ließ sich nie restlos einbinden ins perfekt berechnete Spiel der Töne. An ihr haftete, ob man wollte oder nicht, ein Rest an Körper, an Emotion, an semantischem Bezug. Wer in den Jahren nach 1945 Opern schrieb, stand deshalb schnell in dem Ruf, reaktionär zu sein.
Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Der junge Hans Werner Henze, in Wiesbaden fürs Ballett zuständig, pfiff auf die neuen ästhetischen Dogmen und schrieb sich mit «Boulevard Solitude» frei – um wenig später nach Italien auszuwandern. Und als Karl Amadeus Hartmanns «Simplicius Simplicissimus» 1948 in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2007
Rubrik: DVDs, Seite 54
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Mittelklasse

«It contains nudity», warnt das Cover auf der DVD-Ersteinspielung der fragmentarisch überlieferten Vivaldi-Oper «Ercole su’l Termo­donte». Tatsächlich ließ der amerikanische Bühnenbildner/Regisseur John Pascoe den attraktiven, wenn auch keineswegs herku­lischen Titelhelden der Ausgrabung beim Spoleto-Festival (siehe OW 9-10/2006) antik auftreten: nackt mit...

Bonjour tristesse

2008 steht ein Puccini-Jahr bevor, Anlass genug für das kleine, aber künstlerisch rege Coburger Landestheater, die unverwüstliche «La Bohème» aufs Programm zu setzen. Regisseur Detlef Altenburg und sein Ausstatter Manfred Dittrich verlegen die Szenen aus dem Künstler­leben in die Gegenwart: Erstes und letztes Bild zeigen die heruntergekommene Atelierwohnung von...

Potpourri

James MacMillans zweite Oper spielt mit dem Mythos, doch die Handlung ist in der nahen Zukunft angesiedelt, in einem Schottland oder Britannien, wo Gewalt die Gewalt regiert. Die Führer zweier verfeindeter Parteien wollen Frieden schließen. Eine Bedingung für den Deal: Sian, die Tochter des Generals, heiratet dessen langjährigen Rivalen Mal. Doch Sians früherer...