Vokales Ebenmaß
Helene Steffan, die langjährige Tonmeisterin des Bayerischen Rundfunks, war eine resolute, ja gefürchtete Dame. Ihrem Ohr entging nicht der kleinste Fehler, und sie hatte keine Hemmungen, auch weltberühmten Künstlern deutlich zu sagen, was da gerade an Schludrigkeiten in die Mikros geschwappt war. Schwärmen oder Verklären war ihre Sache nicht. Doch in einem Fall machte sie eine Ausnahme. Die Schubert-Lieder, die sie Anfang der achtziger Jahre mit Margaret Price und Wolfgang Sawallisch aufgenommen hatte, schienen ihr maßstabsetzend. Damit hatte sie vollkommen Recht.
Wichtig waren damals die Umstände: kein steriles Studio, sondern ein Kloster im Chiemgau. Price hatte ihre Hunde um sich und war glücklich. Münchens GMD machte Ferien vom Amt und beherrschte die Kunst des führenden bzw. fordernden Begleitens. Und Helene Steffan hatte ein Händchen dafür, wie die Mikrofone beim schwer einzufangenden Duo Singstimme/Klavier zu positionieren waren. Die Platte, erschienen beim Label Orfeo (C 001811 A), ist bis heute ein Solitär. Wo wäre die fragile Natürlichkeit von «Im Grünen» so eingefangen wie hier? Wo der Tiefsinn von «Im Abendrot»? Wo die Poesie des «Hirt auf dem Felsen»?
Wenn die ...
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Mit ihren knapp zwei Stunden Musik scheint sich die Oper «Senso» eher am Format eines Liebesfilms zu orientieren als an dem einer festlichen Grand Opera, wie man sie anlässlich der Feierlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum der italienischen Einheit erwarten würde. Episch ist sie also nicht, zumal die Handlung auf Camillo Boitos 1883 veröffentlichtem gleichnamigen...
Ein paar Tage vor dem Probenbeginn in München war sie spazieren. Unweit von Zürich, in der Nähe ihres Hauses, wo sie noch einmal den Kopf freibekommen wollte für die nächsten Wochen. Da durchfuhr sie ein merkwürdiges, ein überraschendes Gefühl: «Was ist denn das?», habe sie sich gedacht. «Auf einmal freue ich mich richtig auf die ‹Traviata›.» Und irgendwie, so...
Der Olymp liegt hinter einer Flügeltür. Oben auf der Galerie, zu der eine hochherrschaftliche Treppe führt, die das holzvertäfelte Vestibül symmetrisch in zwei Hälften teilt. Links und rechts neben der Tür hängen die Ahnen an der Wand. In Öl, ordentlich gerahmt. So entrückt wie der meist abwesende Patriarch (Jupiter), der, vom Treiben unten im Foyer hermetisch...
