Am Schicksalsfaden
Wenn im Dessauer «Maskenball» zum Schlussapplaus der Sänger des Gustav vor den Vorhang tritt, erhebt sich ein Mann im Publikum, zückt eine Pistole, schießt. Der König bricht zum zweiten Mal zusammen. Mörder unter uns? Eher: ein Gag, der spätestens nach der Premiere durch die Kritiken bestens bekannt ist und nur wenige überraschen dürfte. Regisseur Roland Schwab macht aus dem gesamten «Maskenball» einen Maskenball – nicht erst im dritten Akt. Vor der Ouvertüre treten die Sängerinnen und Sänger auf die leere Bühne, ziehen aus der Hand Oscars ihre Figuren-Karten.
Wer wird heute wen spielen? Gelächter, Ermunterung der Mitspieler, denn wieder einmal schnappt sich die einzige Frau aus der Runde, die Amelia-Karte, was für ein Glück …
Diesen Einstieg muss man Roland Schwab nicht abkaufen. Das schmälert aber keineswegs die szenische Dichte, für die der Regisseur und sein Bühnenbildner Hartmut Schörghofer auf der Dessauer Riesenbühne mit wenigen prägnanten Zeichen sorgen. Clou ist ein großer, geneigter Spiegel, der den Blick freigibt auf bewaffnete Verräter im Untergrund, auf Leichen am Galgenberg, auf rote Teufelsfiguren, die Ulrika heraufbeschwört. Aus toten Winkeln werden «Todeswinkel»: ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
An der Wiener Staatsoper gibt es eine Reihe von Produktionen, die aus eigener Kraft nicht mehr vom Spielplan herunterkommen. Doch sie wurden behalten, weil die Direktion stets argumentierte, dass zum Beispiel «Butterfly» (Premiere 1957), «Tosca» (1958), «Bohème» (1963), der «Liebestrank» (1980) «nicht notwendigerweise ständig eine neue Ästhetik» brauchten.
Der...
Die größte Überraschung, die der Ausstellungsraum von Aldeburghs «Red House» derzeit zu bieten hat, dürfte ein kleiner vergilbter Zeitungsartikel sein. Er stammt vom Juni 1943 und berichtet von einer Aufführung des «Rigoletto» an Londons Sadler’s Wells Opera mit einem jungen Sänger namens Peter Pears in der Rolle des Herzogs von Mantua. Der damals 33-Jährige sollte...
Bücher über Dirigenten sind eine bei Autoren wie Lesern beliebte Spezies. Eine heikle allerdings auch. Denn die Vita eines Dirigenten, so schillernd sie (gewesen) sein mag, sagt meist wenig über sein künstlerisches Profil. So häufen sich Dirigenten-Bücher, in denen von Musik nur zwischendurch und von konkreten Interpretationsfragen gar nicht die Rede ist. Eva...
