Kienzl: Der Evangelimann
Heutzutage ist Wilhelm Kienzls einst erfolgreicher «Evangelimann» eine echte Rarität. Dabei hat der Zweiakter um den kinderchorverstärkten Hit «Selig sind, die Verfolgung leiden» durchaus musikalische Qualitäten. Von dialogischer Klangrede über das atmosphärische Streicherweben bis hin zu den singspielhaften, gar operettigen Anklängen der Kegelszene werden die Facetten des Stücks in Chemnitz unter Eckehard Stiers umsichtiger Leitung der Robert-Schumann-Philharmonie auch deutlich.
Zudem kann man dort nicht nur die beiden Brüder überzeugend besetzen: In den großen Lebenszusammenfassungen im zweiten Akt steigert sich Edward Randall als Mathias beziehungsweise Evangelimann zu einer Eloquenz von Rom-Erzählungs-Format, vor allem aber Dietrich Greve gestaltet den Johannes ausdrucksstark und kraftvoll.
Eine angemessene szenische Form für die Geschichte zu finden, ist schon weitaus schwieriger. Beide Brüder lieben dieselbe Frau. Johannes blitzt bei ihr ab und zündet aus Ärger die Dorfkirche an. Aber nicht er, sondern sein Bruder Mathias muss dafür zwanzig Jahre ins Gefängnis. Martha zerbricht an dem Unglück, doch der unschuldig Eingekerkerte wird erleuchtet. Sein «Selig sind, die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ernest Blochs einzige Oper «Macbeth» ist ein Jugendwerk des später vor allem durch seine hebräische Rhapsodie «Schelomo» bekannt gewordenen Komponisten. Das Libretto von Edmond Fleg hält sich eng an die Vorlage von Shakespeares Tragödie. Selbst bei Verdi gestrichene Passagen wie die groteske Szene des betrunkenen Pförtners und den Gräuelmord an Macduffs Frau und...
Da hilft kein Fleckenteufel: Am Ende ist das weiße Sofa nicht weniger blutüberströmt als jene, die auf ihm lebten, liebten und starben. Dass Philipp Himmelmann kein Möbelschoner ist, hat er schon in seiner Berliner «Don Carlo»-Inszenierung bewiesen, wo Spanien an, auf und unter einem Esstisch regiert wurde. In der Heimat des Regisseurs muss nun ein Viersitzer dran...
Die Welt steht Kopf. Der Escorial eine leere Betonruine mit Fenstern wie hohle Augenlöcher, in der Ecke das gesichtslose Tizian-Porträt Kaiser Karls V. Einmal öffnet sich die Rückwand für eine unheimliche Flussaue, und auch nach der Pause ist die Bühne nur scheinbar im Lot. Wo in der Mitte bewegliche gläserne Hänger ein Zentrum markierten, ist nun ein Guckkasten...
