Etikettenschwindel

Sigiswald Kuijkens »Zauberflöte» in fragwürdiger Authentizität

Bis heute ist sie bei Theaterstatistiken wie Plattenkatalogen die Nummer eins. Kein Werk der Operngeschichte wird so oft aufgeführt und ist so oft aufgenommen worden wie «Die Zauberflöte». Auch die «His­torische Aufführungspraxis» hat sich ihrer längst angenommen. Arnold Östman, John Eliot Gardiner und William Christie haben ihre Versionen veröffentlicht, von «modernen» Interpretationen ganz zu schweigen. Nun legt sie Sigiswald Kuijken zur Komplettierung seiner Mozart-Aufnahmen nach.


Von «radikaler Authentizität» ist die Rede im Booklet, die innerhalb des Festivals International d’opéra baroque de Beaune in der Basilika Notre Dame aufgenommen wurde. Ein Lippenbekenntnis, denn die Dialoge sind stark gekürzt, die Tempi scheinen – wie so oft bei Kuijken – willkürlich gewählt. Wo fast alle «Zauberflöten»-Aufnahmen mit zwei CDs auskommen, benötigt Kuijken derer drei. Der dröge Gesamteindruck ist indes nicht den Musikern anzulasten, die zuweilen recht flott, durchweg transparent, klangschön und mit pointiert «dialogischer» Artikulation spielen. Schlimm sind die (trotz Kürzungen) endlos wirkenden Dialoge. Es sind gestelzte, hochpathetische Rezitationen in altmodisch «opernhaft» wirkendem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2005
Rubrik: Platten, Seite 62
von Dieter David Scholz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Adams: The Death of Klinghoffer

John Adams’ «The Death of Klinghoffer» fand in Deutschland bislang nur einmal Beachtung – in Nürnberg (siehe OW 6/97). Das Kompositionsprinzip der Minimal Music scheint auf den ersten Blick freilich auch nicht sonderlich entwicklungsfähig. Doch gerade in «Klinghoffer» geht die Partitur weit über den einlullenden Sound anderer Werke dieses Genres hinaus.
«The Death...

Machtmaschine kontra Mensch

Der Zerfall des russisch-bolschewistischen Staatsgebildes, begleitet von bis heute nicht bewältigten Krisenphänomenen bis hin zu brutalen militärischen und terroristischen Aktionen, hat unseren Blick auch für künstlerische Reflexionen geschärft. Um bei der Oper zu bleiben: Als Herbert Wernicke in Salzburg für Mussorgskys «Boris Godunow» auf einem riesigen...

Mehltau

Die «Gräfin Mariza» hält manches Bonmot parat. Eines davon: «Denn deine Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft». Wenden wir dies als Maßstab auf die Neueinspielung der «Csárdásfürstin» an, werden wir uns rasch wieder enttäuscht von ihr abwenden. Die Fürstin lahmt, ihr fehlt es an Witz, an Charme, an Koketterie. Altmeister Richard Bonynge bekommt das...