Das Prinzip Ego
Für eine mittelgroße Bühne wie Kiel bedeutet der «Parsifal» mit Sicherheit einen nicht zu unterschätzenden Kraftakt. Wenn man unter diesen Bedingungen der Produktion mehr als nur einen Achtungserfolg bescheinigen darf, so spricht das für die Qualität des Geleisteten. Nach dem viel gepriesenen «Jahrtausend-‹Ring›» in der Ära Harms hat die Fördestadt jetzt wieder einen Wagner im Programm, den anzuhören und anzusehen lohnt.
Der junge Regisseur Frank Hilbrich, der mit dem «Freischütz» in der letzten Saison einen eher unglücklichen Einstand hatte, legt ein stringent durchgeführtes Regiekonzept vor, das abzielt auf heftige Kritik an der Gralsgesellschaft bis hin zu einem in Resignation versinkenden Schluss. Die Ritter – hier modern gekleidete Managertypen – erweisen sich, obwohl sie bei der Enthüllung des Grals in dekorative religiöse Ekstase verfallen, mehr als mitleidlose Egozentriker denn als Krieger im Kampf um das Gute in der Welt. Es erscheint deshalb nur konsequent, dass sie sich am Ende des dritten Aktes von Parsifal, dem Heilsbringer, abwenden und ihn auf der leeren Bühne allein lassen mit der Leiche Kundrys, während aus der Höhe ein in diesem Kontext durchaus fragwürdiges ...
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Eigentlich ist sie eine ihrer Paraderollen, die Maddalena in Giordanos Verismo-Melodram über klassensprengende Liebe und tödliches Leid zur Zeit der Französischen Revolution. Doch selbst eine Daniela Dessì schafft es offenbar nicht jeden Abend, mit einem durchaus dramatisch geladenen «Eravate possente» im zweiten Akt oder einer fragilen, auch in der Höhe zart...
Im zeitgenössischen Kunstbetrieb ist Jonathan Meese schon seit ein paar Jahren everybody’s darling. Herumgereicht zwischen Berlin und Frankfurt, Köln und London, Mailand und New York. Das Theater hat ihn erst kürzlich entdeckt. Frank Castorf, das Ohr stets an den raunenden Untertönen des Zeitgeistes, nahm den jungen Bilderstürmer mit dem fettigen Langhaar für...
Wie viele Menschen passen in einen winzigen Wohnwagen? Zwei, vier, fünf? Falsch. Ungefähr fünfzig. Vorausgesetzt, es gibt einen mit Autoreifen verdeckten Einstieg durch die Unterbühne in den Boden der Camping-Behausung. Kleingeblümte, kopftuchtragende Frauen und schnauzbärtige Männer quellen samt ihrer Klappmöbel und Kochutensilien aus dem weißen Plastik-Ei, bis...
