Allzu schönes Grauen
Es hätte ein aufwühlendes Stück Musiktheater werden können: die Geschichte eines infolge einer Hirnschädigung im frühen Kindesalter geistig zurückgebliebenen Mannes, der sich, so der Titel der Fallstudie des Neurologen Oliver Sacks, als «ein wandelndes Musiklexikon» erweist. Mit dem Tod der Eltern beginnt der Abstieg des bis dato behüteten Mannes, der schließlich die Einweisung in eine psychiatrische Klinik zur Folge hat.
Allmählich findet sein Arzt heraus, dass Musik, insbesondere Wagners «Parsifal» und Bachs «Matthäus-Passion», diesen Mann «heilen» kann, dass Singen und Chorleitung schon für den jungen Autisten (Über-)Lebenselexier war. Sein Vater hatte ihm jahrelang nicht nur den «New Grove» vorgelesen, sondern auch immer wieder mit dem Jungen Schallplatten gehört, und ihm – als Mitglied der Met – aus Opern vorgesungen. Viele Gesangspartien kannte Martin daher auswendig, aber auch Namen und Straßenzüge, die er nur einmal gelesen hatte. Mit einer Apotheose auf den Text des «Magnificat» endet denn auch die fünfundsiebzigminütige Kammeroper Thomas Bartels strahlend affirmativ und opulent.
Karg dagegen der Beginn mit den Herzschlägen des Patienten, der im mit grauem ...
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Sie sind der Schrecken jedes Kostümbildners: Die textile Variationsbreite in Francis Poulencs «Gespräche der Karmeliterinnen» beschränkt sich in der Regel auf den Zuschnitt des Nonnenhabits. Dass ausgerechnet am Schweriner Theater an dieser Werkkonvention gerüttelt werden würde, war kaum zu erwarten: Angesichts einer nach wie vor prekären finanziellen Zukunft...
Das war die kurzweiligste Geschichtsstunde, die ich je erlebte: «Garibaldi en Sicile» von Marcello Panni, uraufgeführt an Neapels Teatro San Carlo. Thema des historischen Bilderbogens ist die Befreiung und Eroberung Siziliens durch Garibaldis Freiwilligenregiment im Jahr 1860, die der Herrschaft der neapolitanischen Bourbonen über Süditalien ein Ende bereitete....
Nach Donizettis Dogendrama «Marin Faliero», das vor zwei Jahren im venezianischen «Teatro Malibran» zu neuem Leben erweckt wurde, hat sich das «Teatro La Fenice» nun der ebenfalls halbvergessenen «Pia de‘ Tolomei» angenommen – eine weitere Trouvaille. Im Jahr 1836 bei Donizetti und dem neapolitanischen Routinelibrettisten Cammarano in Auftrag gegeben, sollte dieses...
