Iphigenies Axt

Sebastian Baumgarten und Michael Hofstetter stellen Händels Pasticcio «Orest» an der Komischen Oper Berlin auf die Probe

Schwierig, diese Mythen. Wollen uns Nachgeborenen immer gleich die ganze Welt erzählen, verschweigen, verwirren. Deuten an, damit wir, die Ausdeuter, deutlich werden können – so wir wollen. Denn natürlich kann man sich naiv stellen, einen Mythos einfach abbilden, sich dann in seiner Verwirrtheit zurücklehnen; sollen andere sich bemühen, sich kümmern, sollen sie sehen, was sie damit anfangen können.

Oder: Man gibt sich versöhnlich, übergibt die Verantwortung dem Deus ex Machina, er wird es schon richten, die Versammelten ans Licht führen; lieto fine heißt der schmu­cke, bildungsbürgerliche Ausdruck. Und welche Gattung ließe sich besser einkleiden mit einem solchen liebreizenden Ende als die der Affirmation zuneigende Oper des Barock?
Händels Pasticcio «Orest», zusammengeflickt aus sage und schreibe neun Opern des Meisters, mit einem Libretto von Giovanni Gualberto Barlocci versehen und im Dezember 1734 zu London uraufgeführt, macht da eine kleine, erstaunliche Ausnahme. Nichts ist es mit dem behaglichen Ende, mit dem Sonnenstrahl, der alles und alle blendet. Nein, dieses Opernfragment nimmt sich qua Titelfigur jenen Iphigenie-Stoff vor, der den Mörder als Mörder belässt: Orest ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Liebe deine Figuren wie dich selbst

Zum Heulen komisch», titelte die Neue Zürcher Zeitung, als An­dreas Dresens letzter Film «Sommer vorm Balkon» in den Schweizer Kinos anlief. «Abgründiges Glück» – auf diese Formel ließe sich nun seine ­Baseler «Don Giovanni»-Inszenierung bringen. An paradoxen Wendungen kommt offenbar nicht vorbei, wer sich auf das fiktive Personal und die Prinzi­pien des...

Im Erinnerungsnebel

In der Kunst, so schrieb Giuseppe Verdi an den die Partie des Falstaff studierenden Victor Maurel, «ist das Vorherrschen der reflektiven Tendenzen ein Zeichen von Dekadenz». Bei der Hamburger In­szenierung von «Simon Boccanegra» – verantwortet von Claus Guth und Chris­tian Schmidt (Bühnenbild und Kos­tü­me) – ist der Zuschauer gezwungen, lauter Regiereflexionen zu...

Wie Barocktheater aussehen kann

Die Beschäftigung mit historischen Formen der Aufführungspraxis ist seit zweihundert Jahren Gegenstand zunächst der Theatergeschichtsschreibung und Theaterwissenschaft wie gleichzeitig ihrer musikalischen Pendants. Anders als ihren von Noten lebenden Schwestern fehlten der Theaterpraxis aber ein Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt, die die Theorie allen...