Hinreißend
Hier stimmt einfach jedes Detail. Erstaunlich ist eigentlich nur, dass dieses Libretto vor mehr als 300 Jahren entstand und nicht erst vor ein paar Monaten. Vincenzo Grimani schrieb es, überaus frei im Umgang mit der römischen Geschichtsschreibung. «Agrippina», Händels erster großer Bühnenerfolg, wird in Zürich zu einem aufregenden, absolut heutigen Abend, bei dem all das aufgeht, was bei vielen Opernübertragungen in einem anderen Erzählkontext oft ein bisschen knirscht.
Und das gelingt auch noch mit einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit: mit ungeheurer Präzision und großartigen Sängerdarstellerinnen und -darstellern.
Aus der Geschichte um Agrippina, die ihren Sohn aus erster Ehe auf den Thron Roms wuchten will, als sie erfährt, der Kaiser, ihr Mann Claudio, habe auf See den Tod gefunden, macht Jetske Mijnssen einen Krimi um Liebe, Gier und Macht, der an so großartige Serien wie «Succession» oder «House of Cards» erinnert, ohne diese je zu kopieren. Zur Ouvertüre sieht man einen Film: Abendessen in der familiären Firmenzentrale. Am Tisch Agrippina, Claudio, Nerone sowie Ottone, Claudios bester Freund und späterer Lebensretter. Claudio wird übel, er bricht zusammen, vermutlich ...
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Opernwelt April 2025
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Egbert Tholl
Fürwahr, der hanebüchene Plot des zu Weihnachten 1833 an der Mailänder Scala uraufgeführten Werks geht in diesem Fall nicht auf das Konto des Librettisten. Im Gegenteil, Felice Romani tat alles, um die Knoten der schauerromantischen Tragödienvorlage Victor Hugos zu entwirren. So wird die in Venedig und Ferrara angesiedelte Handlung überhaupt erst nachvollziehbar:...
Ist «Salome» ein aktuelles Stück? Hat uns Judäas lustmordende Prinzessin mehr zu sagen als ihre dekadenten Schwestern, die den Betrachter – eher als die Betrachterin – auf den Bildern von Klimt, Stuck und Moreau so sphinxhaft todbringend in ihren Bann schlagen? Zwickau scheint sich in eine feministische Umdeutung der antiken Legende flüchten zu wollen: Salome...
Als Theodor Fontane gefragt wurde, um was es im «Stechlin», seinem letzten Roman, denn gehe, brauchte er nicht viele Worte: «Zum Schluss stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.» Der Rest: literarisches Abendleuchten, Gelassenheit des Alters, ein lächelndes Ja-Sagen zur Hinfälligkeit alles...
