Wir irren allesamt, nur jeder anders
Ja klar, denkt man, typisch Marthaler. Da sitzen zwei Herren am Tisch, der jüngere braucht Geld. Ihm fehlen noch 7000 Schillinge. Der ältere will sie ihm sogar schenken, aber nur unter einer Bedingung: drei Kniebeugen, mit vorgestreckten Armen, langsam, tief und vollständig ausgeführt – eine Marthaler-Szene, wie wir sie kennen und lieben. Nur dass sie hier gar nicht von Marthaler stammt. Die literarische Vorlage findet sich, ähnlich einer Regieanweisung, bei Heimito von Doderer, in seinem «Divertimento No 7: Die Posaunen von Jericho».
Da erklärt sich der Mädchenschänder Rambausek bereit, den Eltern Schweigegeld zu zahlen, was der sadistische, als «Herr Doktor» angesprochene Ich-Erzähler weidlich ausnutzt.
Auf der Bühne lachen sich alle krank. Zufällig gibt es bei Beethovens Werken ohne Opuszahl drei Equale für vier Posaunen (WoO 30), kurze Trauermusiken, die dieses groteske Bußgericht hätten kommentieren können. Aber das wäre eines Marthalers unwürdig: viel zu platt (die Posaunen kriegen einen anderen Auftritt). Stattdessen dräut die Pauke, wie zu Beginn von Beethovens Violinkonzert, das schon zuvor mit gesungener Solistenstimme angeklungen war und jetzt aus dem amüsierten ...
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Opernwelt Februar 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Lotte Thaler
Der Sturm tobt nur außen. Was gut ist. Man möchte ihn wirklich nicht erleben. Dazu lässt es das Philharmonische Orchester Ulm ordentlich krachen, blitzen und donnern. Es ist ein kosmischer, apokalyptischer Orkan, der alles und jeden wegfegt. Die Menschen haben sich in eine Schutzzone zurückgezogen, einen von Neonlicht erleuchteten Betonraum zwischen Bunker-Anmutung...
Recycling ist zweifellos eine gute Sache. Und statt Fast-Fashion-Shopping zu betreiben, sollte man von Zeit zu Zeit mal den eigenen Kleiderschrank durchforsten. Doch was für die private Garderobe gilt, empfiehlt sich nicht unbedingt für die Ausstattung einer Oper. 2021 sollten «Die Barbaren» von Camille Saint-Säens an der Oper Leipzig herauskommen. Die Produktion...
Wilhelm Müller ließ 1821 zwei Bände drucken mit dem reizvollen Titel: «Siebenundsiebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten». Darin fanden sich «Die schöne Müllerin» und «Die Winterreise», leider aber auch ein Zyklus mit dem wenig präzisen Titel «Johannes und Esther» – das Mädchen kommt gar nicht zu Wort, sondern wird nur...
