Die Welt von unten

Debussy: Pelléas et Mélisande an der Oper Lüttich

Opernwelt - Logo

Wurzeln überall, auch von oben hängen sie herunter, wir befinden uns mutmaßlich in einer subrealen Unterwelt. Vorne fließt, vom Parkett nur zu ahnen, ein Fluss vorbei, und als schließlich Mélisande, drapiert wie für eine kolorierte Kunstpostkarte, ihr fragiles Leben ausgehaucht hat, wird es gewiss: Es ist Styx, oder Lethe, denn Mélisandes Lebenslicht wird vom Arzt, der hier bereits als gewichtig schreitender Fürst der Finsternis eingeführt wurde, dem Gewässer anheimgegeben.

Da fließt es nun, mit anderen Lichtlein, beschaulich dahin, Debussys Finale gerät zum Soundtrack, und zu fragen wäre, ob wir noch dies- oder schon jenseits der Kitschgrenze sind. Das Duo Barbe & Doucet hat bis dahin, zuständig für immerhin Regie, Bühne, Kostüme und Dramaturgie, schon reichlich schöne Bilder geliefert. Junge Frauen, weiß bekränzt und beschleiert, begleiten das diskrete Dreiecksdrama um das Rätselwesen Mélisande zwischen den so verschiedenen Halbbrüdern Golaud und Pélleas. Auch Mélisande, der Nina Minasyan viel vokale Clarté und einen Hauch von Geheimnis schenkt, auch sie ist eine Frau in Weiß, und sie wird der Schar der Geister mutmaßlich beitreten, verlorene Seelen alle, anmutig herumgeisternd.

 ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Holger Noltze

Weitere Beiträge
Etwas zahnlos

Ein Lob vorweg: In der Neuproduktion von Kurt Weills und Bertolt Brechts «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» an der Griechischen Nationaloper sind alle acht Solisten sowie vier der sechs Chorus-Mädchen Einheimische. Ihre Diktion des Deutschen ist durchweg gut, im Fall von Anna Agathonos als Witwe Begbick sogar geschliffen – und auch der durch Agathangelos...

Doppelte Botschaften

Im Anfang war das Wort. Nicht jedoch das geschriebene. Im Anfang war der Klang, das gesprochene, gesungene Wort, die menschliche Stimme, aus der heraus ein ganzer Kosmos an Mitteilungsformen erwachsen kann – im günstigsten Fall. Die Stimme als Faszinosum, als Mittel, um höchste kulturelle Leistungen zu erbringen (man denke nur an die Opern dieser Welt), aber auch...

Musik für Gourmets

Seit seiner grandiosen Gesamteinspielung des Lied-Œuvres von Gabriel Fauré gehört der Tenor Cyrille Dubois zu den Top-Interpreten der französischen Liedkunst; zuletzt überraschte der Tenor mit einer gleichermaßen verstörenden wie bezwingenden Aufnahme von Schuberts «Winterreise». Auf seiner jüngsten CD kehrt Dubois zum vertrauteren Repertoire des französischen...