Und man versteht sie auch

Wagners «Walküre» historisch informiert in Prag, mit Kent Nagano am Pult

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Die Prager Staatsoper ist ein Prunkstück des berühmten Wiener Architekturbüros Fellner & Helmer. Als Neues Deutsches Theater wurde das Haus 1888 eingeweiht, zur Eröffnung spielte man Richard Wagners «Meistersinger von Nürnberg». Angelo Neumann, der erste Direktor, zählt aufgrund seiner spektakulären Europatournee mit dem «Ring des Nibelungen» zu den zentralen Persönlichkeiten der frühen Wagner-Rezeption. Und er machte den Meister von Bayreuth auch zu einem Fixstern am Prager Opernhimmel.

Nach mehrjähriger Sanierung wurde das Haus 2020 wiedereröffnet und erstrahlt seither in neuem alten Glanz. Es war nicht zuletzt die große Prager Wagner-Tradition, die Jan Vogler, Intendant der Dresdner Musikfestspiele und gemeinsam mit dem Dirigenten Kent Nagano Künstlerischer Leiter des Projekts «The Wagner Cycles», veranlasste, dieses Theater zum Ausgangspunkt einer eigenen Wagner-Tournee zu wählen. Nach vielbeachteten konzertanten Aufführungen des «Rheingold» im letzten Jahr folgt nun mit der «Walküre» der nächste Teil der Tetralogie, deren Interpretation in enger Zusammenarbeit von Wissenschaft und künstlerischer Praxis entstanden ist und fortwährend weiterentwickelt wird.

«Es klang so alt, – und war doch so neu» – Hans Sachs’ weise Erkenntnis aus dem «Fliedermonolog» passt auch zu dem Eindruck, den die Prager «Walküre»-Aufführung vermittelte. Wagners Riesenorchester, hier die Vereinigung von Concerto Köln und Dresdner Festspielorchester, bleibt auch bei Verwendung historischer Instrumente ein Monumentalensemble, es klingt unter Kent Naganos Leitung aber in vielerlei Hinsicht anders als üblich, lässt ungewohnte Klangfarben hervortreten und setzt weniger auf Lautstärke als vielmehr auf artikulatorische Wucht und Genauigkeit. Die Sängerinnen und Sänger werden nicht von orchestralen Klangmassen übertönt, sondern können sich ohne Forcieren als führende Stimmen in Wagners symphonischen Fluss einfügen. Und man hört sie nicht nur, man versteht sie auch. Ein wichtiges Anliegen des Projekts ist die aufführungspraktische Auseinandersetzung mit der Operndichtung. Ursula Hirschfeld, emeritierte Sprechwissenschaftlerin der Universität Halle-Wittenberg, begleitet das Projekt und achtet auf die historisch korrekte Aussprache, soweit sich diese anhand der Quellen des 19. Jahrhunderts rekonstruieren und plausibel in moderne Praxis übertragen lässt. Die präzise Aussprache ist die Grundlage dessen, was Wagners gesangspäda -gogischer Mitarbeiter Julius Hey seinerzeit als «Sprachgesang» bezeichnete: Gesang, der der Sprache entspringt und dennoch Gesang ist.

Wagner hat den Gegensatz zwischen Rezitativ und Arie, wie er für die ältere Oper grundlegend ist, aufgehoben. In einem Musikdrama wie der «Walküre» lassen sich aber zwei grundsätzlich verschiedene Gesangsstile und viele zwischen diesen beiden Polen vermittelnde Abstufungen erkennen. In den ersten beiden Szenen des ersten Aufzugs herrscht ein Stil vor, der sich stark an der gesprochenen Sprache orientiert und oft an den Tonfall des älteren Rezitativs und seine typischen Schlusswendungen erinnert. Ab Beginn der dritten Szene tritt zunehmend eine andere Form des Gesangs in den Vordergrund. Wagner fordert sie vor allem durch den Gebrauch von Bögen. Sie deuten an, dass gebundener gesungen werden soll, ohne aber die Artikulation der Konsonanten zu vernachlässigen.

Es war beeindruckend, wie differenziert und individuell die Solistinnen und Solisten das Konzept eines sprachorientierten und stilistisch differenzierten Singens umsetzten. Schon mit seinen ersten Worten machte Maximilian Schmitt als Siegmund deutlich, dass hier ein äußer- und innerlich verletzter Held die Bühne betritt. Trotz starker Indisposition lotete Sarah Wegener Sieglindes Seelenleben stimmlich auf berührende Weise aus; Patrick Zielke zeichnete mit seiner machtvollen Stimme ein differenziertes Porträt des ebenso herrischen wie misstrauischen Hunding. Claude Eichenberger brannte in ihrer Auseinandersetzung mit Wotan ein deklamatorisches Feuerwerk ab. Derek Welton machte hörbar, wie der selbstbewusste Göttervater schrittweise den Boden unter den Füßen verliert. In Wotans großer Erzählung waren sowohl die Worte zu verstehen wie deren seelische Schwingungen zu vernehmen. Christiane Libor durchmaß als Brünnhilde stimmlich das weite Spektrum vom kindlichen Jubel bis zur tiefsten Verzweiflung. Das Publikum zeigt sich tief berührt von diesem sehr menschlichen Drama und spendete enthusiastischen Beifall. Nach Prag gastierte diese «Walküre» bereits in Amsterdam und Köln, als weitere Stationen stehen Hamburg, Dresden und Luzern auf dem Plan.


Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Magazin, Seite 83
von Thomas Seedorf

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