Russlands Seele

Vladimir Jurowski dirigiert, Dmitri Tcherniakov inszeniert Prokofjews «Krieg und Frieden» an der Bayerischen Staatsoper

Der Feind kann Russland nicht brechen», dröhnt es einem auf der Zielgerade entgegen, normalerweise jedenfalls. Und: «Wir schmettern den Feind in den Staub.» Selbst ohne tägliche «Tagesschau»-Dosis sind diese letzten Minuten schwer erträglich, Sergej Prokofjew lässt hier Chor und Orchester heiß- und leerlaufen. An der Bayerischen Staatsoper dröhnt die Stelle auch, aber kein einziges Wort ist zu vernehmen.

Eine große Banda ist aufmarschiert und übernimmt jenen Chorpart, mit dem nicht nur der Sieg über Napoleon gefeiert wird, sondern auch (und zum Wohlgefallen Stalins) der über den braunen deutschen Diktator.

Dass die Nummer überhaupt erklingt, ist ein kleines Wunder. Vor einem Jahr, als Stalins später Nachfahre die Ukraine angriff, stand «Krieg und Frieden» auf der Kippe. Regisseur Dmitri Tcherniakov wollte in München alles hinwerfen, ließ sich aber von Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski und Intendant Serge Dorny zum Festhalten am monströsen Zweiteiler überreden. Man griff zum Operationsbesteck, kürzte, amputierte, auch das Regiekonzept wurde geändert. Ein durchaus legitimer Vorgang, da Prokofjew bekanntlich zwar 13 Bilder hinterließ, aber keine letztgültige Fassung. Im Münchner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Das Feuer glimmt schon

Genieflammen zucken da und dort […] Wenn Mozart nicht eine im Gewächshaus getriebene Pflanze ist, so muss er einer der größten Komponisten werden, die jemals gelebt haben.» Dies prophezeite der streitbare, selbst komponierende Journalist und Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart 1775 in seiner «Deutschen Chronik» nach der Münchner Uraufführung von Mozarts «La...

Keine leichte Kost

1917, auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs und in den Straßen der vernarbten Städte sterben seit Jahren völlig sinnlos Millionen von Menschen, schreibt Walter Hasenclever ein bitterbös-gnadenloses Gedicht: «Die Mörder sitzen in der Oper!» Und kaum gewaltiger könnte der Unterschied zwischen den Sphären sein, die der Dichter in scharfschneidende,...

Well made play

Der kleine Amor hat spürbar Lust auf diesen Abend. Zu den ersten Takten des Vorspiels klettert er aus den Tiefen des Bühnenbodens herauf, richtet die Kissen und zieht beim übergroßen Himmelbett die Gardinen zu für das, was wir im Orchestergraben ohnehin schon deutlich hören: den Liebesrausch zwischen der Marschallin und ihrer jugendlichen Amour fou Octavian. Nicht...