Reich mir die Hand, mein Leben
In unserer übermäßig zartfühlenden, empörungsbereiten, mancher würde sagen: hypermoralistischen Gegenwart, in Zeiten von #MeToo und übertriebener Political Correctness hätte er keinen leichten Stand. Wäre Don Giovanni eine real existierende Person, mit strafrechtlicher Verantwortlichkeit – gut wäre es um ihn nicht bestellt. Nun handelt es sich bei Mozarts und Da Pontes Wüstling aber gottlob um keinen Teilhaber einer prosaischen Wirklichkeit, sondern um eine ungebrochen faszinierende, vielschichtige, mehrfach transformierte Kunstfigur.
Und diese mit Gewinn für die Gegenwart zu durchleuchten hat, wieder einmal, Hochkonjunktur. Gleich drei neue Produktionen, an der Oper Leipzig, den Landesbühnen Sachsen und am Theater Nordhausen-Sondershausen finden sehr heutige und doch grundverschiedene Zugänge zum sinnlich-genialen Verführer.
Regisseurin Katharina Thoma schließt in Leipzig sexuelle Potenz mit ökonomischem Kapital kurz: Giovanni als Hausbesitzer, praktischerweise mit Penthouse in der eigenen Immobilie, hat es dadurch nie besonders weit bis zum nächsten Stelldichein. Die Wohnungstüren im mehrstöckigen Mietshaus mit Treppenhaus-Innenhof und klapprigem Innenhof-Fahrstuhl sind allesamt ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Werner Kopfmüller
«Lasciate ogni speranza» empfahl schon Dante, vom «River of no return» sang die Monroe. Und auch Günther Groissböck reitet über weite Strecken dieses Albums das fahle Ross des Todes. Das von Mahler vertonte Wunderhorn-Lied «Nicht wiedersehen!» dient ihm dabei als Motto; auf dem Cover blickt der Bass stirnrunzelnd am Betrachter vorbei, als wäre er selbst der Fleisch...
Es gibt ein Foto, das zeigt ihn, wie er in einem Kornfeld steht, ein Mobiltelefon am linken Ohr, die rechte Hand leicht erhoben, so als müsse er dem imaginären Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung etwas erläutern oder als wolle er eine Mozart-Symphonie dirigieren. Der Blick ist konzentriert, hellwach, kritisch, vielleicht eine Spur angespannt. Und wüsste...
Gott ist widerlegt, aber der Teufel nicht», besagt ein nachgelassenes Fragment von Friedrich Nietzsche. So oft auch Gott in Giuseppe Verdis Opern beschworen werden mag: Ihre Figuren erfahren die Welt als kontingent, als Anhäufung böser Zufälle, denen Menschen im Zweifelsfall eher noch zu- als abhelfen. Da kommt der König des Nachts als Gast ins Schloss, und Macbeth...
