Dichter lieben

Christian Gerhahers gemeinsam mit Gerold Huber realisierte Gesamtaufnahme der Schumann-Lieder ist die «CD des Jahres», gefolgt von Heinz Holligers Oper «Lunea» mit Gerhaher in der Titelrolle. Ein Zufall kann das nicht sein. Würdigung eines Ausnahmesängers

Seltsam, dieser Beginn. Vertraut man leichtgläubig und naiv auf die drei vorgezeichneten Kreuze und liest man den Text, käme als Tonart eigentlich nur A-Dur in Frage – und ein optimistischer Gestus. «Im wunderschönen Monat Mai», das klingt nach ungehemmter, frühlingshafter Vorfreude. Doch schon die Spiel- und Singanweisung «Langsam, zart» deutet vorsichtig an, dass dem vielleicht gar nicht so ist.

Und ebenso zögerlich schwebt die Musik noch vor Heinrich Heines ersten Versen auf einem h-Moll-Sextakkord in den imaginären Raum, bleibt auch in der Folge vage, vorsichtig, mag anscheinend den Sonnenstrahlen nicht vertrauen. Erst beim Wort «Mai» erreicht das Lied die Tonika, verliert sich aber sogleich wieder in mollgetönten Zweifeln, bleibt selbst dort unsicher, wo der Dichter «alle Knospen sprangen» sieht. Vage, ungefähre Welt. 

Um die einzigartige Lied-Kunst Christian Gerhahers und seines kongenialen Klavierpartners Gerold Huber zu begreifen, genügt im Grunde schon dieses eine Lied (beide verwenden natürlich die Bariton-Transposition in G-Dur). Gerhaher folgt – auf Hubers samtig-seidenem Klangteppich – Robert Schumann in jedem Ton mit einer Nachdenklichkeit und interpretatorischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2022
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 62
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Wichtige Aufführungen und Persönlichkeiten der Saison

Wichtige Aufführungen der Saison

Wenn Peter Konwitschny sich in Dortmund den ganzen «Ring» vornimmt, dann scheinen die Zweifel derjenigen, die «zu viel Wagner» in diesen Zeiten ausgemacht haben, wie von Siegfrieds Blasebalg weggepustet. Konwitschny konzentriert sich in seiner meisterhaften Lesart vor allem auf Wotan als einen «Gottvater», der machtvoll drängt – und...

Der Profi

Jahrespressekonferenzen mit Bernd Loebe sind ein Spaß, und lehrreich sind sie auch. Man erlebt einen Menschen, der unmittelbar und unverziert über Dinge spricht, die ihn ernsthaft etwas angehen. Eine Selbstverständlichkeit? Merkwürdigerweise nicht. Seine Leidenschaften versteht er dabei zu zügeln. Eher entflammt er sich – das hat er mit vielen trefflichen...

Fremde Welten, tiefe Gefühle

Ich muss gestehen, die Oper «Frédégonde» war mir bis vor Kurzem nicht bekannt. Dass ich damit nicht allein bin, davon zeugen noch jüngste Veröffentlichungen zur Geschichte der französischen Oper im späten 19. Jahrhundert, in denen das Werk nicht auftaucht. «Frédégonde» erscheint auf den ersten Blick fremd im Sinne von unbekannt – und merkwürdig. Denn merkwürdig, ja...