Die Schutzlosen
Ich sah Hectors Schatten wie einen einsamen Wächter über unsere Wälle schreiten», das singt Cassandre in ihrem großen Auftritts-Air im ersten Akt, nachdem der gläsern-luftige Chor der Trojaner, die sich der Illusion des Kriegsendes begierig hingeben, in schrillen Bläserfanfaren jäh verklungen ist. Jubelchöre, Staatsaktionen und hysterische Massenbegeisterung, die exoterische Seite des monumentalen Werks, sind Christophe Honorés Sache nicht.
Er lässt den groß besetzten Chor durchgehend in Konzertgarderobe die Stimme erheben, mehr oder weniger statuarisch, allenfalls mit sparsamsten Gesten, gelegentlich auch nur aus dem Off. Kapituliert hier ein nicht mit dem Opernmetier vertrauter Filmregisseur, dessen Markenzeichen die subtile individuelle Interaktion und Verstrickung ist, vor einer zweifellos heiklen Aufgabe, dürftig als Geste der Distanzierung kaschiert? Aber dann wird Hectors nur von der Seherin geschauter Schatten bedrückende, tatsächlich illusionssprengende Wirklichkeit. Nicht den Geist des gefallenen Bruders sieht Cassandre, sondern ein verstörtes Kind, das einen besudelten Mantel wie eine Leiche hinter sich herschleppt: Astyanax, Hectors Sohn. Von diesem Mantel, Schutz und ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Klaus Heinrich Kohrs
Am Anfang die Dunkelheit. Und ein Klang, der raunend durch den Saal kreist und von dem man zunächst nicht weiß, woher er stammt. Man spürt nur, dass damit eine Atmosphäre der unheilvollen Ahnung heraufbeschworen wird. Wer den Roman «De Bekeerlinge» (zu deutsch: «Die Fremde») von Stefan Hertmans gelesen hat, der Krystian Lada als Grundlage für sein Libretto diente,...
Die Oper «Giulio Cesare in Egitto» verdiente eher den Titel «Cleopatra diventa regina seducendo Cesare»: Kleopatra wird Königin, indem sie Cäsar verführt – so ließe sich der Inhalt von Händels 1724 uraufgeführtem Dreiakter wohl triftiger zusammenfassen. Die letzte Herrscherin des Pharaonenreiches wird darin mit nicht weniger als acht Arien bedacht. Damit singt sie...
Der Dunst der Dekadenz schwebt über den üppig orchestrierten Klängen des Italo Montemezzi. «L'amore dei tre re» atmet die Schwüle des Fin de Siècle. Am 10. April 1913 wurde das Poema tragico an der Mailänder Scala gleichwohl zu einem Uraufführungstriumph, der kurz darauf vom Erfolg der (von Arturo Toscanini an der Met dirigierten) USA-Premiere noch übertroffen...
