Die zarte Pflanze Glück

Zweimal «Jenůfa»: Tatjana Gürbaca und Tomáš Hanus dringen in Genf zum Kern vor, Damiano Michieletto und Thomas Guggeis suchen in Berlin nach der verlorenen Schönheit

Opernwelt - Logo

Das Glück? Gleicht ein bisschen dem Mond. Allzu selten erscheint es in vollem Glanze, und dann auch nur für Augenblicke, bevor es wieder abnimmt, Stück für Stück, und schließlich wie von Geisterhand verschwunden ist, im Irgendwo, dort also, wo man es nicht findet, selbst wenn man sich auf die Suche danach begibt. Für Jenůfa ist diese Abwesenheit von Glück der Normalzustand, weil ihr Leben aus lauter Missverständnissen besteht und auf Unverstandensein gründet. Sie passt nicht in diese Welt, die das Glück anders definiert als sie selbst, deswegen ist sie zum Scheitern verurteilt.

Alles, was sie in Angriff nimmt, prallt ab an der Faktizität der gesellschaftlichen Realität, aber auch an ihrem Anderssein. 

In Tatjana Gürbacas Genfer Inszenierung sieht man das von Anfang an. Jenůfa ist eine Fremde, sie findet keinen Zugang zu dem, was um sie herum passiert. Im adrett gemusterten, blauweißen Sommerkleid, das Silke Willrett ihr geschneidert hat, steht sie unterhalb der dunkel getäfelten Treppe, die Henrik Ahr auf die Bühne des Grand Théâtre gewuchtet hat und die umgrenzt wird von einem gewaltigen Holzdach; in diesem «Haus» wohnt keine Wärme, zudem wirkt es so, als wäre ein Entkommen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Meldungen, Personalien 7/22

JUBILARE

Das sängerische Können des US-amerikanischen Baritons Thomas Jamerson fand von den späten 1960erbis hin zu den 1990er-Jahren viel Beachtung. Richtig prominent trat er 1968 erstmals in Erscheinung als er im Studio die Rolle des Barone Douphol in Verdis «La traviata» mit Georges Prêtre am Pult des RCA Italiana Orchestra an der Seite von Montserrat Caballé...

Beinahe grotesk

Überall, jederzeit». So lapidar die Regieanweisung des Komponisten, so fundamental das im Stück verhandelte Sujet: Der Conditio humana, den Bedingungen und Umständen menschlichen Daseins gilt es nachzuspüren. Dazu schwebt die Tochter des hinduistischen Gottes Indra hinab auf die Erde. Der Menschen Schicksal zu erkunden, deren Leiden und Klagen zu durchleben und –...

Wassermusik

Nach zwei reduzierten «Herbsteditionen» in den Corona-Jahren meldeten sich die Schwetzinger Festspiele 2022 mit zwei Aufführungen zurück und knüpften damit an die langjährige Schwetzinger Tradition der Mischung aus Alt und Neu an. Die Uraufführung galt in Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen Johannes Kalitzkes Oper «Kapitän Nemos Bibliothek», die Ausgrabung...