Wohnzimmerfest
Den nationalen Theaterpreis «Goldene Maske» öffentlich zu verleihen, wie es bislang 28 Mal üblich war, ist in Krisenzeiten ein Ding der Unmöglichkeit. Man weiß in Russland um die starken emotionalen Reaktionen der Theatermacher und kann sich ausmalen, wie sie bei ihren Bühnenauftritten in der einen oder anderen Form ihren Protest gegen den Krieg zum Ausdruck bringen würden. Deshalb fand die ganze Zeremonie vor leerem Saal im Musiktheater Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko statt, was dem Abend einen mehr als zweideutigen Charakter verlieh.
Dazu kam, dass die Preisträgerinnen und Preisträger «aus dem Haus» zugeschaltet wurden (entweder aus dem Theater selbst oder aus ihrer Wohnung) und in T-Shirts und Jeans nicht gerade feierlich anzusehen waren. Natürlich gebrauchte keiner von ihnen das verbotene Wort «Krieg» oder prangerte Putin an, aber oft fiel der Begriff der «schweren Zeiten»; man müsse «einen Rest seines Verstandes retten», und nur die Theaterarbeit verleihe die nötige Kraft, um zu «überleben». Der Liebling des Publikums, der Schauspielregisseur Dmitri Krymow (er ist in die USA ausgereist) bat darum, seinen Preis dem Nobelpreisträger Dmitri Muratow zu geben, damit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 7 2022
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Alexej Parin
Benjamin Bernheim, der neue französische Tenorstar, widmet sein zweites Recital dem «Boulevard des Italiens». In Paris mit einer französischen Oper zu reüssieren, war seit den frühen 1770er-Jahren das Wunschziel jedes italienischen Komponisten. Die von Verdi sarkastisch als «grande boutique» apostrophierte Opéra geriet unter italienischen Einfluss, zugleich änderte...
Zwei zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene italienische Opern mit russischen Sujets sind beim Maggio Musicale Fiorentino herausgekommen und auf DVD veröffentlicht worden. Nach Franco Alfanos «Risurrezione» von 1904 (OW 8/2021) nun also Umberto Giordanos «Siberia», die bei der Premiere an der Mailänder Scala wenige Monate zuvor einen sensationellen Erfolg...
So etwas gibt es. Alle machen alles irgendwie richtig, und trotzdem fehlt am Ende etwas. Im Falle der neuen Oper des französischen Komponisten und Organisten Thierry Escaich ist das so. Escaich brachte 2013 seinen Erstling «Claude» (auf ein Libretto des ehemaligen französischen Justizministers Robert Badinter) in Lyon heraus – eine musikalisch wie szenisch...
