Denke weiter nach!

Ersan Mondtag verlegt Kurt Weills «Silbersee» in Gent in die nahe Zukunft

In sein «Wintermärchen» vom Silbersee ließ Georg Kaiser, viel gespielter Dramatiker dieser Jahre, einige Wirklichkeit eingehen. Junge Arbeitslose, denen keine Parolen mehr gegen den Hunger helfen, plündern einen Lebensmittelladen, in dem Lebensmittel weggeworfen werden, um die Preise hochzuhalten. Auf der Flucht wird der Anführer Severin angeschossen. Den Polizisten Olim plagt danach sein Gewissen.

Hätte er nur Geld, er wolle wiedergutmachen! Da macht ihn ein Lotteriegewinn schlagartig zum Schlossbesitzer, er pflegt sein Opfer inkognito, bis die Sache auffliegt und wegen Blödheit das Schloss wieder futsch ist, und dann stehen Olim und Severin erneut vor dem Nichts. Das Wintermärchenhafte ist nun, dass der Silbersee, in dem sie sich ertränken würden, zufriert, obwohl gar kein Winter ist. Wer weiter muss, den trägt der Silbersee, heißt es, und Weill schrieb, vier Jahre nach der «Dreigroschenoper», ein allerschönstes Märchenmusikfinale dazu, nach allerhand Spitzigem und Witzigem, Agit-Songs, Chorälen, Trauermärschen, Totentanz und Tango.

Schon zwei Wochen nach der Uraufführung im Februar 1933 war der hoffnungsfrohe Schluss eingeholt von der Wirklichkeit und der «Silbersee», der das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Holger Noltze

Weitere Beiträge
Doppelgänger

Künstlerisch zunehmend erfolglos, aber trotzdem nach wie vor ein gefragter «Markenartikel», nahm der alternde Ruggero Leoncavallo das Angebot der Londoner Music Hall «Hippodrome» gerne an, dort eine halbstündige Kurzfassung seiner «Pagliacci» herauszubringen. Der Erfolg war überwältigend. Zweimal täglich wurde diese Version unter seiner Stabführung gespielt, aus...

Notlösungen

Die Werkstätten der Wuppertaler Bühnen liegen in einem Gewerbegebiet. Autohäuser und Supermärkte reihen sich an der Hauptstraße, außerdem gibt es eine große Tankstelle, eine Striptease-Bar, einen Pizza-Bring-Dienst, eine einsame Bushaltestelle. Der Charme des Ortes ist überschaubar. Doch das Gebäude der Werkstätten öffnet sich in einen erstaunlich geräumigen...

Und der Haifisch hat Migräne

Der Anfang ist witzig. Aus einem Bühnenloch klettern Fatty und Dreieinigkeitsmoses heraus auf die schwarz glänzende, leere Fläche, doch nicht als gewöhnliche Ganoven. Jens Larsen trägt den Talar eines salbadernden protestantischen Pfarrers, Ivan Turšić gibt, sehr pointiert, einen jüdischen Rabbi. In den Händen halten sie ihre Gebetsbücher, aber nicht allzu fest....