Flucht nach innen
«Ohne die Corona-Pandemie und den Lockdown im Frühjahr 2020 gäbe es diese Aufnahmen nicht», sagt Hanna Herfurtner in einem im Booklet ihrer CD abgedruckten Gespräch mit dem Tonmeister Johannes Kammann. Die Sopranistin macht ihre existentiellen Erfahrungen mit der erzwungenen Isolation zum Thema ihres Konzeptalbums. Das Nachdenken über das Leben wird zum Nachdenken über die Musik und ihre Bedeutung für das Leben.
Ausgangspunkt ist ein Stück des amerikanischen Minimalisten Alvin Lucier, «I am sitting in a room» für Stimme und elektromagnetisches Tonband, das auf höchst simple, zugleich magische Weise die Isolation hörbar macht. Die Ausführende sitzt allein in einem Raum und nimmt ihre Stimme auf. Sie spricht einen Text, der wie eine Gebrauchsanweisung beschreibt, was sie gerade macht – nämlich diesen Text auf Band aufzuzeichnen. Die Aufnahme wird über Boxen im Raum abgespielt und als Playback wiederaufgezeichnet, insgesamt 32-mal, wobei sie mehr und mehr von den Resonanzfrequenzen des Raums überlagert und transformiert wird. Schnell verliert die Sprache ganz ihre Bedeutung. Der Raum selbst beginnt leise zu klingen, zu flirren, flüstern, raunen und zu dröhnen, um sich am Ende in ein ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 58
von Uwe Schweikert
Im Moskauer Saz-Kindermusiktheater wird die große Bühne saniert, alle Aufführungen finden deswegen auf der kleinen Bühne statt. Ende Juni zeigte man dort «Rotkäppchen» von César Cui, dem Mitglied des «Mächtigen Häufleins». Der Komponist schrieb seine Kinderoper 1911 ausdrücklich für Zarewitsch Alexej, den kranken Sohn Nikolai II. Allein für den maladen Thronfolger...
Schauerlich nannte Schubert die Lieder der «Winterreise», die in seinem Freundeskreis zunächst keinen Anklang fanden. Man muss bis zu Mussorgskys kleinem Zyklus «Ohne Sonne» oder Wolfs drei «Michelangelo-Liedern» gehen, um am Ende des 19. Jahrhunderts auf einen vergleichbar ausweglosen Pessimismus zu stoßen. Heutzutage ist Schuberts Liederkreis einer Reise noch...
Ein zerrissenes Porträtfoto ist fast das einzige, was im Nachlass Wieland Wagners von der Existenz Kurt Overhoffs (1902–1986), seines langjährigen, später aber konsequent verleugneten Mentors, zeugt. Zehn Jahre lang (mit Unterbrechungen) hat Overhoff dem Wagner-Enkel, der eigentlich Maler werden wollte, die musikalischen wie theaterpraktischen Geheimnisse der...
