Naturtalent

Ihre Stimme wird man nicht mehr vergessen. Sinnlich-verfüh­rerisch war sie, nobel, von klug dosierter Opulenz, und das bei Mozart und Rossini ebenso wie bei Mahler und Strauss. Christa Ludwig ist im Alter von 93 Jahren verstorben

Das Lied für die Beerdigung stand längst fest – gerne und stets ein bisschen amüsiert hat Christa Ludwig davon erzählt: «Ich bin der Welt abhanden gekommen», die berühmte Rückert-Vertonung, «natürlich von mir gesungen». Nur in welcher Aufnahme? Da war sie sich wenige Jahre vor ihrem Tod nicht sicher. Gustav Mahler, das war für sie so klar wie herzensanliegend. Mit keinem anderen Komponisten wurde die Liedkunst der Ludwig so stark verknüpft.

Dabei stand die Wahl-Österreicherin, gebürtige Berlinerin und im Rheinland Aufgewachsene auf erhellende Weise quer zum Deutungs-Mainstream ihrer Zeit. Mehr Klanggestik als Silbenprofilierung zeichnete ihre Interpretation aus. Kein didaktisches Singen war das, sie verließ sich auf ihre Intuition, auf die einzigartige Qualität ihres Timbres, und das durfte sie auch. «Ich hab’ halt einfach gesungen», pflegte sie staunende Fragen nach dem «Lied von der Erde» mit Fritz Wunderlich und Otto Klemperer zu parieren, der wohl ewigen Referenzaufnahme. Wobei der Verdacht bleibt, dass sich die Ludwig mit solchen Sätzen ziemlich klein machte – weil sie schon früh und viel verstand von der Kunst des Weglassens. Das Ergebnis: reine Natürlichkeit, eine ...

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Opernwelt Juni 2021
Rubrik: Abschied, Seite 56
von Markus Thiel

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