Gefühlsverstärker

Mal keusch, mal künstlich animiert: Peter Schreier und sein Liedalbum «Schöne, strahlende Welt» von 1977 in digitaler Neuaufbereitung

Auf unnachahmlich elegante Weise fasste der Münchner Kritiker  Karl Schumann nach einem Liederabend von Peter Schreier einmal zusammen, was dem Dresdner Tenor durch die zeitungspapierene Blume gesagt wurde: «Dass seinen wohlgesetzten Tönen ein Schuss Sinnlichkeit fehle; dass er zumal den Damen, die ja bekanntlich nicht nur mit den Ohren hören, zu wenig biete; dass ihm die Dresdner Kreuzchor-Vergangenheit nachhänge und dass sein Anima-candida-Timbre nicht weit von dem eines edlen Vikars liege.

» Da Schreiers Timbre leitmotivisch als «keusch» beschrieben wurde, sei Arnold Schönberg zum Verteidiger aufgerufen: «Leidenschaft, das können alle! Aber Innigkeit, die keusche höhere Form der Gefühle, das scheint den meisten Menschen versagt zu sein. Das ist ziemlich begreiflich, denn das ihr zugrunde liegende Gefühl muss empfunden sein, und nicht bloß dargestellt werden.»  

Es stellt sich also die Frage, wie wohl der edle  Vikar mit dem keuschen Timbre den «süßen, den reizenden Frauen» seine Grüße entbietet oder wie im  nächtlichen Granada das Brennen heißen Verlangens in ihm erwacht. Nach dem ersten Blick auf das Cover – Peter Schreier im dunklen Blazer, mit samtener Fliege und sanftem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Jürgen Kesting

Weitere Beiträge
Genuin lyrisch

Die Werke des von den Nazis ins englische Exil vertriebenen Österreichers Hans Gál (1890–1987) wurden erst in den letzten Jahren wiederentdeckt. Osnabrück spielte 2017 die dramatische Ballade «Das Lied der Nacht» (OW 6/2017), Heidelberg 2020 die fantastisch-komische Märchenoper «Die heilige Ente» (OW 5/2020). Anderes aus dem umfangreichen Schaffen des...

So macht Leiden Spaß

Es war ein Freitag. Was sonst. Freitag, der 13. Das konnte kein gutes Zeichen sein. War es auch nicht. Am Freitag, dem 13. März 2020, blieben die Uhren stehen, eine neue Zeitrechnung begann. An diesem Tag hob sich in der Oper Dortmund der Vorhang zur Premiere von Daniel-François-Esprit Aubers «La muette de Portici». Doch im Saal herrschte weithin sichtbare Leere....

Der Mythos lebt

Dass Herbert von Karajan über seinen 100. Geburtstag hinaus gerade für die Musikwissenschaft ein interessanter Gegenstand sein würde, ist erstaunlich und war nicht zu erwarten. Denn zu Lebzeiten wurde er gerade von dieser Seite selten ernst genommen, seine Selbstpräsentation als ambitionierter Freizeitsportler und profitorientierter Musikunternehmer machte ihn...