Geschmeidige Wollust

Exquisit: Countertenor Valer Sabadus interpretiert Arien von Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann

Die Aufforderung, mit der sich der Countertenor Valer Sabadus an sein imaginäres Gegenüber wendet, ist an Doppeldeutigkeit kaum zu überbieten: «Schlafe, mein Liebster, und pflege der Ruh, folge der Lockung entbrannter Gedanken …» Wie bitte? Und in weiterer Folge: «Schmecke die Lust der lüsternen Brust, und erkenne keine Schranken …» Huch! Was wir erkennen, ist die Melodie einer der Marien-Arien aus dem Bach’schen «Weihnachtsoratorium» (kaum eine hat diese so schön und wahrhaft gesungen wie Christa Ludwig in der legendären Karl-Richter-Aufnahme).

Von einer «Lockung entbrannter Gedanken» und zumal von der «Lust der lüsternen Brust» ist dort allerdings keine Rede. Doch der Meister aller Meister selbst hat jenen fast pornografisch anmutenden Text vertont – und, da seine Musik sprachliche Unvollkommenheit heiligt, die Inspiration dann auch im «Weihnachtsoratorium» wirksam werden lassen.

Verantwortlich dafür ist das im Barock übliche Parodieverfahren, das bekanntlich nichts mit Spott und Satire zu tun hat, sondern heute eher mit «Recycling» konnotiert würde. Ursprünglich stammt die Arie aus der «Herkules-Kantate» («Laßt uns sorgen, laßt uns wachen», BWV 213); sie schildert den Versuch ...

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Opernwelt Mai 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Gerhard Persché

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