In der Diskursbude

Eckart Kröplin zeichnet ein höchst liebevolles Bild vom «Operntheater in der DDR»

Die Provokation war evident, ästhetisch wie ideologisch. Heiner Müllers «Sechs Punkte zur Oper», zwei Jahre nach der Uraufführung von Paul Dessaus Musiktheater «Lanzelot» auf ein Schauspiel von Jewgeni Schwarz formuliert, trafen ins Mark eines Staates, der sich von Anbeginn an nicht sicher war, wie er mit seinen Künsten zu verfahren hatte. Das bewies schon allein die Tatsache, dass Müllers «Punkte» 1971 zwar publiziert werden durften, sofort nach ihrem Erscheinen aber eine intensive Debatte nach sich zogen.

Was hatte Müller getan? Nun, er hatte lediglich die Wahrheit notiert. Und eine Autonomie der Gattung postuliert, die sie bis dato nicht für sich reklamieren konnte, der sie aber, in kritischer Distanz zur herrschenden Konformität, dringend bedurfte. Die Oper, mahnte Müller, sei dem Formalisierungszwang und Traditionsdruck stärker unterworfen als das Schauspiel. Sie brauche den stärkeren Materialwiderstand. Die Schwierigkeit sei eine Möglichkeit: Distanz, als Funktion der Musik, müsse nicht, geografisch oder historisch, vom Stoff beigebracht oder, formal, vom Libretto geleistet werden, Oper könne in höherem Grad als das Schauspiel ein operatives Genre sein. Und dann kam jener ...

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Opernwelt März 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 38
von Jürgen Otten

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