Grandioser Drahtseilakt

Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk
WIESBADEN | STAATSTHEATER

Gleich im ersten Bild von Evgeny Titovs Inszenierung der Schicksalsoper «Lady Macbeth von Mzensk» herrscht beklemmende Tristesse. Die Bühne (Christian Schmidt) ist verödet und grau, von den Wänden starrt der Schmutz; das alles erinnert doch sehr an einen verlassenen Schlachthof oder Gefängniswaschraum. Die abweisende Kälte dieses Ortes steht in diametralem Gegensatz zu den glühenden Gesangslinien, mit denen Cornelia Beskow zu Beginn die gefährlich brodelnde Seelenverfassung der Titelfigur auslotet.

Hinter ihrem Rücken lauern die wuchtigen, an Grabplatten gemahnenden Kacheln und das marode Metallgerippe einer Dusche. In deren Bannkreis lässt der Regisseur, erkennbar inspiriert von der legendären Messerattacke in Hitchcocks «Psycho», alle Schlüsselszenen von Schostakowitschs Musikdrama als grandioses Kabinettstück spielen – bis hin zum Doppelmord, den die Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa an ihrem Schwiegervater und ihrem Ehemann begeht.

Die junge Aksinja (Michelle Ryan) wird dort von einer Horde Arbeiter vergewaltigt, auch die erste sexuelle Begegnung zwischen Katerina und ihrem Liebhaber Sergej findet hinter dem eilig zugezogenen, semitransparenten Duschvorhang statt. Gutsherr ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Silvia Adler

Weitere Beiträge
Arg lückenhaft

Beethoven und kein Ende im Jubiläumsjahr, das musikalisch haupt­sächlich virtuell stattfand. Umso heftiger schlug die Buchbranche zu. Besonderes Interesse weckte die Biografie des Stuttgarter Bratschisten und Musikantiquars Ulrich Drüner, der 2016 mit einem denkmalstürzenden Wagner-Buch Aufsehen erregt hatte. Jetzt versucht er Beethovens «komplexe Persönlichkeit»...

Zerbrochene Worte

Kein Mond, nirgends. Das Universum ist schwarz. Und doch schwebt das ferne, dabei so nahe menschengesichtsgleiche Gestirn über allem, was die Muse dem Dichter eingab, was sein Gefühl durchflutet. Immer wieder ruft Pierrot, fantastische Gestalt im Weltinnenraum, diesen nächtig todeskranken Planeten an, der da auf des «Himmels schwarzem Pfühl» wohnt und dessen Blick,...

Schutz unter dem Regenbogen

Carmela, zehn Jahre alt, ist Fremde in einem fremden Land. Sie wurde zwar in Palermo geboren, als Tochter ghanaischer Eltern, doch die italienische Staatsbürgerschaft bleibt ihr verwehrt. Dass das Mädchen sich trotzdem heimisch fühlt, hat mit einer Musikinitiative zu tun, dem so genannten Regenbogenchor. Vor sechs Jahren ist er am Teatro Massimo gegründet worden,...