Gegen den Zeitgeist

Die Musikkritik sieht sich heute selbstverständlich denselben Problemen gegenüber wie die von ihr besprochene Musik selbst, denn in einer formatierten Welt des like und dislike hat es der Wunsch nach Differenzierung schwer. Die Verschiebung jedweden Urteils einer unbegrenzten Anzahl von Richtern in die öffentlichen Medien hat eben nicht nur Vorteile; ein Nachteil wäre – um mit Karl Kraus zu sprechen –, dass «jeder Ladenschwengel die Muse befingern darf», und das geht einher mit einem eindeutigen Verlust an Genauigkeit, auch einem Überfluss an Übergriffigkeit.

Man könnte brutal im Stil der 1930er-Jahre sagen: Wer Kunstwerke nach dem Äußeren beurteilt, beurteilt auch Menschen nach dem Äußeren.

Selbstverständlich kann man feststellen, dass die rein äußerliche Betrachtung eines Kunstwerks immer bestanden hat, manchmal folgt sie Volkes Stimme und der Grad zum Populismus ist hauchdünn, manchmal raunen geheimbündlerische Syntagmen aus den Schriftsätzen und das Glasperlenspiel ist nicht fern. Aber das Größenverhältnis von fundierter Kritik und rein äußerlicher Negation oder Affirmation hat sich im Lauf der Jahre immer weiter verschlechtert. Ein weiteres Indiz wäre, dass noch vor wenigen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 110
von Detlev Glanert

Weitere Beiträge
Was fehlt, ist grüne Expertise

Seit die Opéra de Lyon 2009 zum ersten Mal Klimabilanz zog, ist das Interesse an ökologischem Wirtschaften in Kulturinstitutionen stetig gewachsen. Ein Haus wie die Göteborgs Operan stellt inzwischen sämtliche Arbeitsbereiche auf den Prüfstand – von der Stromversorgung oder dem Kulissenbau und Kantinenangebot bis zur Reisepraxis und Schwarzlicht-Schminke. Auch am...

Bloß nicht verstummen

Eigentlich wollte sich Helga Rabl-Stadler nach dem Jubiläumssommer in den bewegten Ruhestand zurückziehen. Doch dann warf Corona alle Planungen über den Haufen: Das Programm, mit dem die Gründung der Salzburger Festspiele vor 100 Jahren gefeiert werden sollte, musste drastisch reduziert, ein großer Teil der Veranstaltungen verschoben werden. So wird die gelernte...

«... die oper erwirbt mir die Märtirerkrone»

Kein anderes Werk des Standardrepertoires weckt so viel geballtes Unbehagen wie Beethovens einzige Oper «Fidelio». Gibt man nicht gleich dem Komponisten selbst die Schuld, indem man dem Theaterfremden die Begabung zum Opernschreiben rundweg abspricht, so mindestens den beteiligten Librettisten, denen es selbst in drei Anläufen nicht gelungen sei, ein dramatisch...