Komm, Hoffnung...
«Mir graut vor meinem Schatten», schrieb Arno Holz. Grauen, Angst vor etwas, das nicht weicht, an uns klebt und gelegentlich überholt. Angst vor dem Unwägbaren, das uns sogar veranlasst, den Grundtrieb des zoon politikon, des Gemeinschaftswesens, zumindest zeitweise zu verleugnen. Und dazu bringt, uns zu vereinzeln – etwa Opernaufführungen allein vor dem Fernseh- oder Computerschirm verfolgen zu müssen. Wie im Falle des «Fidelio» aus dem zum Fernsehstudio umfunktionierten Theater an der Wien.
Denn es war keine übliche Premiere, vielmehr die Rettung einer Aufführung durch TV-Kameras angesichts der restriktiven Maßnahmen zur versuchten Einhegung der Corona-Epidemie. Die Ausstrahlung des ORF erreichte 376 000 Zuschauer. Es war wohl das erste Mal an diesem Haus, dass eine Neuproduktion ausschließlich digital vermittelt wurde. Und für die nächste Zeit wohl auch das letzte Mal. Zumindest in Wien.
Dunkel der Beginn. Kurz blitzen Taschenlampen auf. Ein Mann wird eine Treppe hinuntergeworfen, rollt nahe an den Ochestergraben. Ins Blackout hinein hebt Manfred Honeck den Stab zur dritten Leonore-Ouvertüre, die Ludwig van Beethoven der hier gespielten zweiten Fassung seines «Fidelio» aus dem ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Gerhard Persché
Die Alten, für die Pest und Cholera, Krieg und Typhus zum Alltag gehörten, kannten das Kunstgewerbe der Negativität noch nicht. Sie waren sich ihres Lebens nicht sicher genug, um sich mit schlechten Aussichten interessant zu machen. Weil die Bedrohung des Lebens so real war, gab es eine Pflicht zum lieto fine, zum heiteren Ende. Denn aller Pessimismus ist viel...
Einen «Blödsinn sondergleichen» hat Marcel Reich-Ranicki «Die Räuber» einmal genannt – und doch bekannt, dass er Friedrich Schillers Dramenerstling, diese «Explosion der Jugend», liebe. Das Problem der selten gespielten Oper, die Giuseppe Verdi und sein Librettist Andrea Maffei im Jahr 1847 daraus gemacht haben, ist, dass sie die, mit Reich-Ranicki, «ungeheuerliche...
Verspottet hätten sie ihn, 14-mal. In Luxemburg, Innsbruck, Mailand, Moskau, Luzern oder Paris. Und Julian Prégardien hätte als Evangelist davon berichtet, vom Bespeien und Schlagen des Heilands, mit gebotener, von ihm gewohnter Emphase. Mutmaßlich. Denn irgendwann, in der zweiten Märzhälfte, ereilte auch den Tenor das Schicksal: Alle Matthäus-Passionen mit dem...
