Zu kurz gedacht
Ach ja, die Liebe. Eine haarige Angelegenheit, heute mehr denn je. Die allesverschlingenden Märkte haben auch diese schönste Hauptsache der Welt amalgamiert; Gefühle sind im Wesentlichen ersetzt durch Akkumulation von Kapital, welches sie, als materialistische Konstante, darstellen. Der Planet bevölkert von lauter entfremdeten Konsumaffen, deren einziges Bestreben in der Selbstbefriedigung liegt und deren Seele jämmerlich auf dem Grabbeltisch verkümmert.
Eine düstere Vision? Nicht für Tobias Kratzer. Für ihn scheint Liebe kaum mehr zu sein als romantisch-gestrige Gefühlsduselei.
Das zumindest muss man annehmen nach Anschauung des Doppelabends an der Oper Halle, wo Kratzer, umworbener Darling der Szene und frisch gekürt mit dem prestigeträchtigen Theaterpreis Der Faust, zwei Werke verklammert hat, zwischen denen ein äußerst zartbesaitetes Band verläuft – sieht man einmal von der Tatsache ab, dass sowohl in Mozarts Jugendstreich «Bastien und Bastienne» als auch in Zemlinskys Wilde-Adaption «Eine florentinische Tragödie» drei Personen aufeinandertreffen, von denen eine als Störenfried (oder, je nach Perspektive, als Supervisor) fungiert: eine Konstellation, die Konflikte konstituiert ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Jürgen Otten
Die 1823 in Venedig uraufgeführte «Semiramide» ist die letzte, größte und – mit fast vier Stunden Spieldauer – längste Oper, die Rossini für Italien schrieb. Das verworrene Sujet um die babylonische Königin Semiramis, die mit Hilfe ihres Geliebten Assur ihren Gatten Nino getötet hat und an seiner Stelle regiert, bevor schließlich ihr Sohn Arsace den Vater rächt,...
Für einmal nicht «Hänsel und Gretel», sondern «Aschenputtel». Doch nicht von Rossini (und auch nicht von Massenet), sondern aus der Feder einer der bedeutendsten Sängerinnen der Operngeschichte. Pauline Viardot, die erste Fidès in Meyerbeers «Le prophète», die seit 1841 regelmäßig als «Cenerentola» in Rossinis Oper brilliert hatte, ließ 1904 eine einaktige Operette...
Am Anfang war der Kuss. Innig umschlungen stehen eine Frau und ein Mann in der Bühnenmitte, liebkosen sich mit der Zärtlichkeit des ersten Mals und wollen selbst dann nicht voneinander lassen, als das aus dem Raunen der Kontrabässe sich entwickelnde, initiale Es-Dur anschwillt zum Wagner’schen Klangstrom, der vom Werden der Welt kündet. «Weia! Waga! Woge du Welle»...
