Schwer zu ertragen

Mozart: Die Zauberflöte
Brüssel | La Monnaie

Vorn ist einer laut schnarchend eingeschlafen, rechts drängen sich Empörte aus dem Saal, links fließen stille Tränen. Flüstern überall: Das Publikum weiß nach der Pause nicht, wohin mit sich in Romeo Castelluccis «Zauberflöte» an der Brüsseler Münze.

Doch der Reihe nach. Zunächst knöpft der Regisseur sich den Wunsch nach einem Mozart’schen Märchen vor, indem er – «Klinget, Glöckchen, klinget» – die Bühne als pittoreske Porzellanspieluhr anlegt. Alles ist betäubend weiß: die Schnurvorhänge an den Seiten, hinten das Stuckornament, alle Röcke, Roben, Locken.

Auf Drehtellern kreisen Sänger und Tänzer in anmutig choreografierter Symmetrie, auch wenn das bedeutet, dass zwei Taminos, zwei Papagenos etc. antreten müssen – einer singend, einer stumm.

In all der Pracht könnten einem die kalkulierten Störungen zunächst fast entgehen: die Schatten, die die elegante Stuckatur flüchtig in die Röntgenansicht weiblicher Beckenknochen verwandeln. Die erstickende Verdichtung von Federbuschwolken und Gipskurven. Schließlich lässt sich nicht mehr leugnen: Die blütenweiße Puderperücken-Utopie ist wahrlich keine Sauberwelt. Immer deutlicher vergiften sexistische und rassistische Strukturen die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2018
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Wiebke Roloff Halsey

Weitere Beiträge
Das reine Entzücken

Es ist 60 Jahre her, dass sich ein «zierliches, dunkelhaariges Mädchen mit strahlenden Augen [und] einem wie von Murillo gemalten Gesicht», so berichtet die Chronik des Glyndebourne Festivals, als Cherubino in die Herzen der Besucher sang: die damals 23-jährige spanische Mezzosopranistin Teresa Berganza. Wenig später stand sie neben der (Cherubini-)Medea von Maria...

Vorhof der Sprache

Selbst schuld, wer im Parkett sitzt. Man wird zwar gesehen, sieht aber keineswegs optimal, speziell bei dieser Monteverdi-Produktion im Haus für Mozart. Denn die «Szenen wie in der Sixtinischen Kapelle», von denen Jan Lauwers in Zusammenhang mit seiner Sicht auf «L’incoronazione di Poppea» sprach, erschließen sich fast ausschließlich den Zuschauern im Rang: Leiber...

Elegie für Verbliebene

Endlich. Endlich hat sich einer getraut, die gigantische Leere der Bochumer Jahrhunderthalle für sich sprechen zu lassen. Bei Christoph Marthaler ist der Riesenraum nicht spektakuläre Location, schon gar nicht schrundige Hülle für wilden Kulissenzauber. Sondern ein Protagonist sui generis. Ein schlafendes Ungeheuer, in dessen Bauch aus Stein, Glas und Stahl ein...