Ein Herz und eine Seele? Evelin Novak (Gretel) und Natalia Skrycka; Foto: Kuelker/drama-berlin

Verpuppt

In der noch immer unfertigen Berliner Lindenoper illuminieren Eva-Maria Höckmayr und Diego Fasolis Monteverdis «Poppea», Achim Freyer und Sebastian Weigle maskieren Humperdincks «Hänsel und Gretel»

Die schöne Unbekannte liegt im Halbfeld links, gefährlich nah am Rand. Goldglänzendes Cocktailkleid, eine rote Einstichstelle nahe dem Herzen. Niemand, der sie beachten würde; anscheinend gehört das Sterben zum Geschäft, ist Teil der Staatsräson, Kollateralschaden. Wer die Tote ist, erfahren wir auch in den folgenden dreieinhalb Stunden nicht, können es nur vermuten. Vielleicht eine Vorgängerin Ottavias. Oder eine unliebsame Konkurrentin der Kaiserin. Neben ihr ein blecherner Putzeimer. Kein schönes Bild.

Aber eines, das auf die grundsätzliche Idee verweist, mit der Eva-Maria Höckmayr ihre Inszenierung von Claudio Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» auf ein Libretto von Giovanni Francesco Busenello in der Berliner Lindenoper versehen hat. Menschen, so die (im Folgenden stichhaltig belegte) These, sind nur Puppen, aufgeladen mit Sinn und Sinnlichkeit. Nicht aber mit Subjektivität. Sie alle hängen am Draht einer höheren Instanz, die persönliche Freiheit nur da zulässt, wo es dem Politischen dient. Oder der Leidenschaft eines Einzelnen. Selten beidem.

Und so stehen sie wie aufgepflanzt da, die Protagonisten, auf dem ockermetallic schimmernden Boden der Tatsachen, der sich zur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
An Grenzen

Joseph Marx? Es gibt vermutlich nicht allzu viele Musikliebhaber, die Leben und Werk dieses außerordentlich vielseitigen Künstlers, Pädagogen und Kritikers kennen; die Musikgeschichtsschreibung hat auch in seinem Fall fahrlässig gehandelt. Seinen Zeitgenossen nämlich war Marx durchaus ein Begriff. Nicht nur galt er in Kakaniens Kapitale als einer der...

Mal ehrlich Februar 2018

Mehr als 100-mal habe ich in Brittens «Midsummer Night’s Dream» auf der Bühne gestanden! Wenn nicht 200-mal – mir fehlt längst der Überblick. So oft jedenfalls, dass meine Bücher nach einer Figur aus dem «Sommernachtstraum» benannt sind («Who’s my Bottom?» und «Scraping the Bottom»). Es gibt Menschen, die mich deshalb für einen Fachmann halten. Und doch habe ich,...

Polens Atlantis

Im Jahr 1919 wurde der polnische Staat von den Siegermächten wiederhergestellt und mit einem Korridor zur Ostsee versehen. Als fünf Jahre darauf Feliks Nowowiejskis «Legenda Bałtyku» (Baltische Legende) in der nun wieder Poznań genannten Stadt über die Bühne ging, feierten nationalkonservative Kreise das Stück, in dem das versunkene Vineta beschworen wird, als...