Das Geheimnis der Oberfläche

Arvo Pärts «Adam’s Passion», inszeniert von Robert Wilson, und Hindemiths «Cardillac» in Tallinn

In Estland, diesem Vorposten des alten Europa am äußersten Zipfel der Ostsee, spielt die Kultur eine wichtige Rolle. Auch in dem Bestreben, dem als bedrohlich empfundenen Einfluss Russlands zu entkommen und sich dem Westen zu öffnen. Als Großmacht des Chorgesangs verfügt Estland über eine lange eigene Tradition. Nicht zuletzt Dirigenten wie Tõnu Kaljuste oder die Järvi-Familie zeugen von der musikalischen Potenz des kleinen Landes mit gerade einmal 1,3 Millionen Einwohnern.



Wie innovativ das Musikleben in Tallinn ist, zeigen zwei Produktionen extrem unterschiedlichen Zuschnitts: Die Nationaloper im Zentrum der Hauptstadt bescherte gerade Paul Hindemiths «Cardillac» seine estnische Erstaufführung. Draußen im unwirtlichen Hafenareal ging die international stark beachtete Uraufführung von «Adam’s Passion» mit Musik von Arvo Pärt und inszeniert von Robert Wilson (siehe auch OW 5/2015) über die Bühne einer ehemaligen russischen U-Bootfabrik, die vor einigen Jahren für kulturelle Veranstaltungen hergerichtet wurde und nun als Kulisse für ein Werk von bemerkenswertem Feinschliff diente.

Pärt und Wilson passen prächtig zueinander. Hier der demnächst 80-jährige estnische Komponist, dessen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Max Nyffeler

Weitere Beiträge
Der Tor und die Trolle

Natürlich ist es reiner Zufall, dass zeitgleich zur Braunschweiger «Peer Gynt»-Premiere in München NS-Kunst aus dem Depot geholt und mit Zeitgenossen konfrontiert wurde. Wird da aus dem Keller heraufgezerrt, was im Rahmen einer (verspäteten) Entnazifizierungsdebatte dorthin verbannt wurde? Auch in Cottbus war Werner Egks Ibsen-Destillat aus dem Jahr 1938 ja...

Klotzen statt kleckern

Er ist wieder da. Das erste Mal nach dem Rausschmiss. Dunkelblauer Anzug, offenes Hemd, ein Rotweinglas in der Hand. Wechselt hier ein paar Worte, lächelt dort hinüber, genießt die Blicke, die sich in den Foyers des Volkstheaters auf ihn richten. Blicke der Bewunderung, der Erwartung, der Hoffnung. Kann Sewan Latchinian die von Rostocks Bürgerschaft auf Druck der...

Bis ins Timbre verwundet

Den ausgefuchsten Dramatiker erkennt man am szenischen Rhythmus. Georg Friedrich Händel und sein Librettist Vincenzo Grimani hatten Sinn dafür. In «Agrippina» ist der Kontrast von vierter und fünfter Szene im zweiten Akt einfach brillant. Zuerst schleimt sich das gesamte Personal auf proppenvoller Bühne bei Kaiser Claudius ein. Dann fragt der stets loyale Otto nach...